Regino Preis 2000

 

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

 

ich freue mich sehr, bei der Verleihung des Regino Preises Herrn Dr. Heinrich Maul begrüßen zu dürfen und ihn auch zugleich als neuen Kollegen – in der Funktion eines Strafverteidigers - vorstellen zu können.: Dr. Maul war eine der herausragenden Persönlichkeiten beim Bundesgerichtshof in Karlsruhe. Einige Stichworte zu seiner Karriere: 1963 als Gerichtsassessor in den höheren Justizdienst des Landes Baden-Württemberg eingetreten, Richter bei AG Baden-Baden, beim LG Karlsruhe, zwischendurch für drei Jahre abgeordnet zum BGH; 1971 für zwei Jahre ins Bundeskanzleramt – wobei er in der Rückschau gerne zugibt, dass die Ministerialtätigkeit vielleicht nicht seine Welt war -, wieder als Richter zunächst beim OLG Karlsruhe, dann Wahl zum Richter am BGH, dort von 1982 bis zum Ruhestand am 30.09.2000 stellvertretender Vorsitzender des 1. Strafsenates, begehrter Redner auf Fachkongressen, Autor zahlreicher wichtiger wissenschaftlicher Veröffentlichungen, Mitautor am „Karlsruher Kommentar zum Strafgesetzbuch“, eines der Standardwerke zum Strafgesetzbuch. Nicht zuletzt auch sein politisches Interesse und Engagement haben ihn bundesweit bekannt gemacht.

 

Dr. Maul, Bundesrichter a.D. hat sich entschlossen, den Ruhesand auf ganz besondere Art zu genießen oder zu gestalten – Dr. Maul hat die Zulassung als Rechtsanwalt beantragt und natürlich erhalten und möchte in Zukunft als Rechtsanwalt, als Strafverteidiger arbeiten: Wenige haben diesen Schritt vor ihm versucht, in den letzten Jahren, soweit ich es überblicken kann, niemand mehr, jedenfalls nicht richtig, das heißt mit dem vollen forensischen Programm:

 

Es ist sicher ein mutiger Schritt, in der legal community rege betrachtet: er wird sich noch wundern, meinen viele: oft jene die glauben, die Richter am BGH leiden unter Realitätsverlust, so als seinen die Richter in den fünf Strafsenaten – nur diesen Bereich kann ich beurteilen - nicht von dieser Welt. Herrn Dr. Maul ist natürlich klar, dass er auf schwierige Mandanten, uneinsichtige Anwälte und kleingeistige Richter treffen wird, das Strafverteidigung „Kampf“ bedeutet, dass er einseitig Stellung beziehen wird, dass er oft die einzige Person sein wird, die mit einem Beschuldigen auf einer vertauenswürdigen, einer eigenen nahezu intimen Ebene verkehren kann. Er wird sich insoweit also nicht wundern – die Aufgabe Beistand zu sein, den Unschuldigen vor ungerechten Vorwürfen zu schützen, Gerichte vor Fehlurteilen zu bewahren, die persönlichen Aspekte eines Straftäters aufzuarbeiten und in ein Strafverfahren einzuführen und nicht zuletzt auch die Würde eines schuldigen Straftäters zu wahren und zu sichern – dies alles wird ihm als Aufgabe und Herausforderung bewusst sein.

 

Alle diese Aufgaben werden für ihn keine Überraschung sein!

 

Aber wundern wird sich der neue Kollege schon: denn wir Strafverteidiger sind die juristischen Nomaden der Jetztzeit. Kein interessantes Mandat kann weit genug entfernt sein; stimmen die Bedingungen, sind wir heute in Flensburg, morgen in Bautzen und Woche später in Laufen an der Donau. Ein Besuch in der Auslieferungshaft von Madrid bedeutet für uns ebensowenig Aufwand, wie ein kurzer Mandantenbesuch in Südafrika oder in der Dominikanischen Republik. Eine Zeugenvernehmung in Israel nehmen wir freudig wahr, in die Sowjetunion oder auch Kanada fahren wir allerdings lieber im Sommer als im Winter. Mobil sind wir, laut sind wir und reisen seit eh und je zu unseren Mandanten, ein gewisser Teil dieser Mandanten ist ja in der Regel auch gehindert, uns in unseren Büros aufzusuchen.

 

So kann ich mit Fug und Recht behaupten in den letzten zwanzig Jahren fast in allen deutschen Städten gewesen zu sein, vorausgesetzt sie haben ein Gericht oder ein Gefängnis – aber meist habe ich auch nicht viel mehr gesehen, als eben das Gericht oder das Gefängnis. Vielleicht noch das eine oder andere Hotel, in das ich meist spät in der Nacht eingefallen bin, am frühen Morgen verlassen habe – für die interessanten Dinge des Reisen bleibt da meist wenig. Aber noch etwas lernt man auf diese Art und Weise kennen – regionale Zeitungen und Journalisten, das Auge fällt auf die Prozessberichterstattung der Zeitungen, der Kontakt der Strafverteidiger zu Journalisten ist sicher intensiver als der der Zivilanwälte. Interessant und ernüchternd kann dieser Kontakt sein – sicher für beide Seite.

 

Dabei war mir aufgefallen, dass in zahlreichen Zeitungen, die Prozessberichte zwar an hervorgehobenerer Stelle in der Lokalberichterstattung stehen, dass die Journalisten von der Redaktion oder dem Verlag gelegentlich etwas stiefmütterlich behandelt werden. Bei den Journalisten gibt es die Überflieger, die in der Lage sind über Prozesse zu berichten, bei denen sie nicht anwesend waren – manchen Reporter reicht es, die Anklage zu hören und am nächsten Tag den Richter, Staatsanwalt oder Verteidiger anzurufen und nach dem Ergebnis zu fragen. Manche Redaktionen schicken Volontäre manche Studenten, die auf Zeilenhonorar arbeiten. Oft habe ich Berichte gelesen, die oberflächlich sind, voller Fehler – Berichte die häufig in der  Redaktion gekürzt, alles auf den Kopf stellten, was in einer Verhandlung geschehen war. Bei Gesprächen mit den Journalisten stellte sich dann oft heraus, dass die Texte in der Redaktion ohne Rücksprache geändert und gekürzt wurden, dass für die Prozessberichterstattung kein festangestellter Redakteur zur Verfügung steht, und für Berichte, die über reines Prozessgeschehen hinausgehen, kein Platz in der Zeitung ist.

 

Ich hatte den Eindruck, dass Redakteure, die über Prozesse und Justiz schreiben, Außenseiter sind, nicht ganz so ernst genommen werden, wie die Redakteurin, die mit dem Fraktionsvorsitzenden der Ratspartei zu Mittag ist. Für Berichte über Randgruppen, Institutionen ohne große Außenwirkung, ohne politische und wirtschaftliche Klientel ist im Tagesgeschäft oft kein Platz. Bei Gesprächen mit Journalisten, die ich sehr achte und als sehr sachkundig kennengelernt habe, kam dann irgendwie der Gedanke, dass der Gerichtsreporter, der auch jenseits des Spektakulären berichtet, etwas ins Rampenlicht gerückt werden sollte – ein Preis, der bundesweit ausgeschrieben wird, Aufmerksamkeit erregt und damit die ganze Sparte der Justizberichterstattung fördert.

 

Diese Preisidee schleppte ich eine ganze Zeit mit mir rum, sie reifte und als ich den Gedanken dem Luchterhand-Verlag vortrug, wurde es fast eine Art Selbstläufer. Spontan kam die Zusage einer Unterstützung – und der Preis wäre nicht zu realisieren gewesen ohne diese Unterstützung. Mein Dank an dieser Stelle, dem Geschäftführer Herrn Luszak, der Pressestelle in persona Frau Hombach-Kohlgraf sowie Herrn Kolbe mit dem mich ja schon seit einigen Jahren eine enge Zusammenarbeit verbindet.

 

Die Frage einer Jury war auch schnell gelöst, dank der Hilfe des Präsidenten des OLG Koblenz und des Koblenzer Generalstaatsanwaltes wurden mit Herrn Richter Krämer und Herrn Oberstaatsanwalt Dr. Loose kompetente Mitglieder gefunden – diese ergänzt durch Ministerialrat Herrn Huff, vom Hessischen Justizministerium, einem erfahrenen Journalisten und Anwalt, gemeinsam mit Herrn Kolbe, vom Luchterhand Verlag.

 

Damit hatte ich aber gleich das nächste Problem zu lösen – wie soll der Preis heißen, wer ist ein würdiger Namensgeber. Erst jetzt wurde mir ja auch klar, irgendeine Institution stand ja nicht hinter uns, dass sich mit dem Namen des Preises auch wieder einmal rechtliche Fragen stellen, Namensrecht, Urheberrecht – und eventuell Konsequenzen, an die ich nicht gedacht hatte, Wünsche nach Einflussnahme, die ich nicht akzeptieren wollte und anderes mehr.

 

Wie so oft im Leben half der Zufall, man braucht halt nur mit offenen Augen durchs Leben zu gehen: aus ganz persönlichen Gründen habe ich mich etwa zur gleichen Zeit, wir sind jetzt so Anfang 2000, Januar bis März, privat teilweise dem Landleben hingegeben, in eine Gegend zog es mich, die – jedenfalls wenn man aus Süddeutschland kommt – etwas abseits vom Wanderstrom liegt, als Rückzugsgebiet weniger in Betracht gezogen wird und vielleicht außerhalb der Region Aachen/Köln auch völlig unbekannt ist – obwohl ein Hauch von Weltliteratur auch dieses Gebiet zumindest gestreift hat: Für Literaturkenner wird die naturalistische Schriftstellerin Klara Viebig etwas bedeuten, Alfred Andersch hat einen der letzten großen deutschen Romane – jedenfalls seinen letzten großen Roman – dorthin verlegt „Winterspelt“ das Gedankenspiel eines deutschen Offiziers am Ende des zweiten Weltkriegs. Inspiriert von Ernest Hemingway, der auch in dieser Gegend war und seiner späteren Frau einen Zustandsbericht – über sein Gemüt und die Gegend gab:

 

Gestern kamen wir in das neue Indianerland, nach einem schönen wilden Tag des Jagens und Schießens, und ließen uns für die Nacht in einem verlassenen Bauernhaus nieder. Es war eine gespenstige Nacht, da wir fast allem weit voraus waren, aber wir hatten hervorragendes Essen, aus Hühnern, denen wir mit Pistolen die Köpfe abgeschossen hatten, und gaben dem Col. Lanham und einem Bataillonskommandeur ein Essen, und sie erledigten dafür alles auf dem Bauernhof, und wir versoffen alles, was wir hatten, um den Tag zu feiern ... Diese Land besteht aus einer ununterbrochenen Reihe bewaldeter Hügel und welligem Boden, mit ein paar unbewachsenen Höhen, von denen aus man alles sehen kann, was sich bewegt. Man kommt auf eine Anhöhe und beherrscht die ganze Gegend...

 

Manchmal ist der Wald dicht wie zu hause oder in Kanada, es kommt einem genauso unwahrscheinlich vor, hier getötet zu werden, wie in Upper Michigan, und das gibt einem ein zuversichtliches Gefühl, wie zu Hause.

 

In dieses neue Indianerland, die Eifel, nach Prüm in der Nähe der belgischen Grenze bei St. Vith, haben wir uns zurückgezogen, ein altes Bauernhaus gekauft und wissen seitdem, was wir mit Ersparten und übrig gebliebener Zeit machen. Und hier begegnete ich Regino, der im 9. Jahrhundert sich aufmachte von Altrip (am Rhein), wenn wir ein klein wenig großzügig die Sache betrachten, also ganz aus der Nähe meiner Wahlheimat Heidelberg, und nach Prüm zog. Regino wurde Abt in PRÜM; widmete sich der Erziehung, der Lehre und Forschung – er war Autor auch juristischer Schriften, versuchte eine Geschichte der Welt zu schreiben und das Leben seiner Zeit zu dokumentieren, verfasste eine Visitationsordnung, die viele hundert Jahre gültig war, einige musiktheoretischen Werke. Später zog er sich aus Prüm zurück und lebte in Klöstern an der Mosel bis zu seinem Tode 914.

 

Nicht nur wegen der Parallelen zu meiner aktuellen Situation, auch Reginos aufklärerisches, dokumentierendes Wirken, prädestinierten ihm als Namensgeber für einen Journalistenpreis – soll doch auch hervorragende journalistische Arbeit aufklären, dokumentieren und auf die Leser wirken und deren Bewusstsein schärfen. Schließlich hat Regino, der Mönch, auch noch einen weiteren Vorteil, keine Nachkommen, die Rechte an dem Namen herleiten. Regino ist also in meinen Augen sehr geeignet als Namenspatron dieses Preises. Das OLG Koblenz ist auch ein geeigneter und würdiger Ort für die Preisverleihung – liegt es im Wirkungskreis des Namensgebers, bzw., die Wirkungsorte des Regino gehören heute zum OLG Bezirk Koblenz; das OLG Koblenz ist aber auch eines der wichtigen Oberlandesgerichte in Deutschland, für die Rechtsprechung in manchen Bereichen prägend.

 

Danken möchte ich an dieser Stelle noch einmal ausdrücklich der Jury, Herrn Huff, Herrn Kolbe, Herrn Krämer, Herr Dr. Loos. Es war eine hervorragende und konstruktive Zusammenarbeit, die Entscheidungsfindung, die uns sehr schwer gefallen ist, war nicht nur eine kollektive sondern auch sehr angenehme Arbeit. Und spontan – einheitlich in dieser kleinen verschworenen Runde – haben wir den Entschluss gefasst, den Regino Preis 2000 nicht eine einmalige Sache sein zu lassen, sondern auch einen Regino Preis 2001 auszuschreiben, einen Preis für den Journalisten sich in 4 Kategorien bewerben können: klassische Printmedien, Reportagen aus dem Rundfunk und dem Fernsehen, sowie in einer Kategorie, die wir Neue Medien genannt haben, eine Kategorie, die alles umfassen kann, was nicht unter Print, Rundfunk oder Fernsehen einzuordnen ist (z.B. Multimediadarstellungen, Websites, Online-Zeitschriften). Ausgezeichnet werden sollen erneut die besten Justizreportagen.

 

Schließlich möchte ich noch allen Journalisten recht herzlich danken, die an dem Wettbewerb teilgenommen haben – nur durch Ihre rege Beteiligung konnte der Preis ein Erfolg werden; neben sehr renommierten und bekannten Journalisten haben auch junge Journalisten an dem Wettbewerb teilgenommen und es ist als sicher voraussagbar, dass auch diese jungen Journalisten Erfolg haben werden und sicher im Laufe ihrer Kariere noch den einen oder anderen Preis gewinnen können. Die eingesandten Arbeiten waren ausnahmslos von hohem Niveau, informativ und es war eine Freude, sie zu lesen. Herzlichen Dank an alle – ich freue mich schon auf die Einsendungen für den Regino-Preis 2001.

 

Wolfgang Ferner

Hauptstr. 10

54597 Rommersheim