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DEUTSCHLANDFUNK
                              GESICHTER EUROPAS
                Samstag, 28. 2. 2004, 11.05 – 12.00 Uhr
 
 
EIN LAND HÄLT DEN ATEM AN:
BELGIEN VOR DEM DUTROUX-PROZESS
 
Eine Sendung von Doris Simon
  Musikauswahl: Ehrhard Gehl
                     Redakteur am Mikrophon: Thilo Kößler

         

1.)  Eine Geste: Kostenlose Zimmer für die Angehörigen in einem Hotel in Arlon                                                                                                                                                        
 
2.) Mut zur Wahrheit: Paul Marchal – der Vater eines Opfers                                                                                
 
3.) Kindesmissbrauch und die Folgen: Das Vertrouwenscentrum
Kindermishandeling in Löwen                                          
 
 
4.) Plädoyer für einen neuen Bürgersinn: Die weißen Komitees
 
5.) Frustriert, wütend, stolz: Ein ehemaliger Beamter der Reichs-
Wacht, der seinen Dienst quittierte                                  

Literatur:

Jef Geeraerts: Der Generalstaatsanwalt. Unions Verlag, Zürich. 2002

EIN LAND HÄLT DEN ATEM AN:

Mod:          Belgien vor dem Dutroux-Prozess. Paul Marchal wird als Nebenkläger im Gerichtssaal sitzen. Er ist der Vater der ermordeten An.

 

O–Ton 1: Ich weiß es selber nicht, wo ich die Kraft hernehme. Ich bin es auch der Ehre meines Kindes, Ans Ehre, schuldig, etwas zu tun, damit ein wenig mehr Gerechtigkeit geschieht. Daraus ziehe ich sicher einen Teil meiner Kraft. Das ist alles, was wir noch für An tun können.

 Mod:          Belgien vor dem Dutroux-Prozess. Rudy Hoskens hat aufgegeben. Er quittierte seinen Dienst bei der belgischen Bundespolizei - aus Protest gegen Vorgesetzte und Kollegen, die die Ermittlungen behinderten.

 O-Ton 2:   Ich war so frustriert, wütend, dass ich gesagt habe, dass ich Da nicht mehr arbeiten wollte. Ich war sehr stolz bei der Reichswacht gewesen zu sein. Bin ich immer gewesen. Ich habe da 17 Jahre gearbeitet. Aber nach solchen Sachen sagte ich tschüß und habe mir etwas anderes gesucht

 Mod:          Gesichter Europas: Ein Land hält den Atem an. Belgien vor dem Dutroux-Prozeß. Eine Sendung von Doris Simon. Am Mikrophon begrüßt Sie Thilo Kößler.

 MUSIK

Mod: Die Opfer hießen An und Eefje, Julie und Melissa. Sie kamen aus Wallonien und aus Flandern. Sie waren acht, 17 und 19 Jahre alt, als sie entführt, ermordet und verscharrt wurden. Ihr Tod löste in ganz Europa Entsetzen aus. Zwei der insgesamt sechs Mädchen in der Gewalt Dutroux´s überlebten: Laetitia und Sabine konnten gerade noch befreit werden. Das alles war 1996. Am Montag beginnt der Prozess gegen den Kinderschänder. Acht Jahre danach.

 Auf der Anklagebank sitzen der 46-jährige Marc Dutroux, seine Ex-Frau Michelle Martin, sein mutmaßlicher Komplize Michel Lelièvre sowie Michel Nihoul, ein ehemaliger Betreiber von Sexlokalen und ein Bekannter Dutroux´s. Eigentlich sollte auch Bernhard Weinstein hier sitzen, Mitwisser und Komplize des Hauptangeklagten – doch Dutroux soll auch ihn ermordet haben.

War Dutroux ein psychopathischer Einzeltäter oder sind die Machenschaften des Mitangeklagten Nihoul ein Indiz für ein Netzwerk von Kinderschändern? Es gibt viele ungeklärte Fragen in diesem Prozess: Warum gab es so viele Pannen bei der Fahndung und so viele Fehlleistungen während der Ermittlungen? Die vier Mädchen könnten noch am Leben sein, wenn damals nicht alle staatlichen Institutionen versagt hätten, hieß es schon 1997 in einem Untersuchungsbericht.

Schließlich: Warum dauerte es so lange, bis es endlich zum Prozeß kam? Und wer bot Medien aus aller Welt das 440.000 Seiten starke Dossier des Staatsanwalts zum Kauf an?

Für die Kleinstadt Arlon wird dieser Prozeß zur Belastungsprobe. Über Tausend Journalisten und Medienleute haben sich angesagt. Dabei fasst der Gerichtssaal gerade einmal ein Dutzend Berichterstatter. Und für die Eltern der Opfer wird dieser Prozeß zu einem Spießrutenlauf. Die belgischen Medien verhielten sich in all Jahren äußerst diskret und verständnisvoll. Doch jetzt werden alle Schweinwerfer auf die Eltern gerichtet sein. Die Hotels in Arlon sind seit Monaten ausgebucht. Auch das Ecu de Bourgogne. Doch anders als viele Kollegen am Ort, weigert sich die Hotelbesitzerin, aus dem Prozess Profit zu schlagen.   

REP 1:       Eine Geste: Kostenlose Zimmer für die Angehörigen in einem Hotel in Arlon                                                   6.15

 Atmo 1 Schlüsselbord, Aufzug, Begrüßung

TAKE 20 (ab 0.08)

 Ich zeige Ihnen die Zimmer, Aufzug, Stimme Hotelier, Telefonat, Madame telefoniert, (bis 1.12)Aufzugfahren, Tür, Bonjour –

Seit 43 Jahren ist das ein Teil von Lilya Kirschenbilders Arbeit: Schlüssel vom Bord nehmen und dann nach oben, Gästen ihre Zimmer zeigen. Das Ecu de Bourgogne ist ein altes Haus, nicht aufwendig renoviert, aber gepflegt, und die Zimmer sind liebevoll eingerichtet. In normalen Zeiten steigen hier Handelsvertreter und Touristen auf der Durchreise ab. Aber die Zeiten sind nicht normal. Der Prozeß gegen Marc Dutroux hat weit über die Grenzem Belgiens hinaus Interesse geweckt. Hunderte von Journalisten  haben sich beim Gericht in Arlon angemeldet. Die Familie Kirschenbilder könnte während des Prozesses mit ihrem Hotel am zentralen Platz ein kleines Vermögen verdienen. Aber die Kirschenbilders haben sich anders entschieden:

 O-Ton 1

TAKE 9 („C´est mon fils le jour òu Monsieur Marchal…)

 Mein Sohn hat im Fernsehen gesehen, wie Paul Marchal erklärte, daß er sich keinen Anwalt nehmen könne, weil die Kosten zu hoch seien, und da hat mein Sohn gemeint, wenn sich die Opfereltern schon keinen Anwalt mehr leisten könnten, dann erst recht kein Hotelzimmer in Arlon, um den Prozeß hier vor Ort zu verfolgen.

(…se payer l´hôtel non plus.“) 0.11

 Die Seniorchefin des Ecu de Bourgogne nimmt die Brille ab  und putzt an den dicken Gläsern herum, so, als ob sie damit die Emotionen wegwischen könnte.

 Noch 0-Ton 1

Take 09 ab 0.32 („Alors mon fils a contacté…), raus bei 0.59, wieder rein bei 1.13

   Mit Hilfe eines Redakteurs der Lokalzeitung haben wir Kontakt zu Herrn Marchal aufgenommen und ihn gebeten, den Familien aller Dutroux-Opfer auszurichten, daß sie bei uns gratis übernachten können. Allerdings wollen die Familien Russo und Lejeune nicht am Prozeß teilnehmen. Herr Marchal und Herr Lambrecks, der Vater von Eefje, haben schon mitgeteilt, daß sie gerne kommen wollen. Das ist unser Angebot, und bei unserer Tochter, die hier ein paar Häuser weiter ein Restaurant hat, sind die Eltern der Dutroux-Opfer jeden Abend zum Essen eingeladen.

1. 27 (…offrira le souper le soir aux parents des victimes.“)

Es war nicht Lilya Kirschenbilder, die diese Geschichte publik gemacht hat, sondern der Journalist, der ihr den Kontakt zu den Opfereltern vermittelte. Das öffentliche Interesse an ihrer Person macht ihr keine besondere Freude, die Hotelchefin fürchtet, das Angebot an die Eltern könnte als Reklamegag mißverstanden werden:

O-Ton 2

10            („Non, je ne veux pas faire une affaire….)

 Ich will absolut kein Geschäft machen mit der Dutroux-Affäre.

Ich will nicht am Leid der Eltern verdienen. Sie werden eine ganze Etage für sich haben, niemand sonst wird dort logieren, damit sie nicht belästigt werden. Ansonsten haben sich noch ein niederländischer und eine französischer Fernsehsender angemeldet, aber ich vermiete ihnen die Zimmer nur für ein paar Wochen. Danach nehme ich wieder meine Handelsvertreter, denn es gibt ja nicht nur den Dutroux-Prozeß, ich muß auch an die Zeit danach denken. Wenn ich den Vertretern über Monate absagen muß, dann gehen die woanders hin. Deshalb lasse ich auch während des Prozesses ein paar Zimmer frei. Danach ist es sowieso vorbei mit dem Interesse, es wird nie wieder einen solchen Prozeß in Arlon geben.  

1.00   (….c´est une fois.“)

 Der Dutroux- Prozeß – wen man auch fragt in Arlon, niemand ist glücklich, daß er hier stattfindet. Die Kleinstadt steht in keinem Bezug zur Affäre um die verschwundenen Kinder, aber hier in Arlon befindet sich nun einmal das Schwurgericht der Provinz Luxemburg. Natürlich gibt es auch Profiteure in Arlon, aber es sind, glaubt man den Einwohnern, nicht viele, und sie halten sich zurück. Der soziale Druck in der Kleinstadt ist groß. Viele zeigen ihre Verachtung weniger vornehm als Lilya Kirschenbilder:

 O-Ton 3

TAKE  11 0.22  („Je suis vraiment étonné des gens…)

 Ich bin wirklich erstaunt über die Leute, die ihr eigenes Schlafzimmer vermieten, nur um damit Geld zu verdienen. Das ist doch häßlich, so vom Unglück der anderen zu profitieren. Ich erhöhe meine Preise, wenn ich Lust habe, aber doch nicht wegen des Dutroux-Prozesses, da schlägt man doch keinen Gewinn heraus! Die Sache ist doch so schon traurig genug (Stimme verklingt)

0.20 (…. C´est déjà triste assez comme ca.“) 

Atmo 2 ZImmerführung

TAKE 21 etwas frei stehen lassen, dann herunterziehen

(Voilà, Tür öffnen, Das Zimmer, Bad, tout confort, Blick auf den Platz, M. Marchal war vor ein paar Jahren schon mal hier)

 Die Zimmer für die Eltern der Opfer sind längst hergerichtet, eine ganze Etage haben die Kirschenbilders frei gemacht. Und dann macht Madame eine Pause. So ist das bei dieser Affäre – solange man von „der Affäre Dutroux“ spricht, kann man sich darüber unterhalten. Man darf nur nicht daran denken, was sich hinter diesen zwei Worten verbirgt. Lilya Kirschenbilder holt tief Luft: 

O-Ton 4

Take 16  („On est dégouté…)

Man ist angewidert,  das dauert alles zu lange, der Prozeß müsste schon längst vorbei sein. Für die Familien der Opfer ist es, als ob sie ihre Kinder noch einmal zu Grabe tragen müssten. All das noch einmal zu durchleben, es muß abscheulich sein für die Betroffenen. Wenn man selber Familie hat, kann man das nachempfinden.

0.19 (… la même chose quand on a des enfants.“)

Draußen regnet es, wie durch einen dünnen Vorhang sieht man den alten Justizpalast am Platz. Während des Prozesses wird dort aber nur das Pressezentrum sein, ein paar hundert Meter die Straße herunter steht ein nagelneues Gerichtsgebäude. 300 Zeugen will Staatsanwalt Bourlet vorladen, um die Geschworenen von der Schuld der vier Angeklagten zu überzeugen. Die Verteidigung hat mit der Ankündigung reagiert, daß ebenso viele Zeugen zur Entlastung der Angeklagten gehört werden. Lilya Kirschenbilder schüttelt den Kopf auf die Frage nach ihren Erwartungen an den Prozeß und das Urteil:

O-Ton 5

Take 18  („Non, ca ne changera rien…), bei 0.29 Zwischenfrage rausschneiden

Der Prozeß wird nichts ändern, das wird weitergehen. Alle Tage liest man doch inzwischen von  Morden und Vergewaltigungen. Es gibt doch kaum noch etwas anderes in den Zeitungen, stimmt doch! Obwohl Dutroux, das war wirklich das Schrecklichste, was er getan hat. (Stimme wird leise) Ihn müsste man in das Loch stecken, wo er die Mädchen gefangen hielt, dann würde man nicht mehr darüber sprechen. 

(Wieder lauter) Der Mann verdient die gute Behandlung im Gefängnis nicht, wenn man sieht, was er mit den Mädchen gemacht hat. Der muß es nicht so gut haben, wirklich nicht. Wie einen König behandeln sie ihn! Wirklich!

0.46   (… comme un roi, lui. C´est vrai.“) 

Atmo 3 Vorplatz

TAKE 24  Atmo draußen, Tür Hotel, Schritte, Schwingtür,  

Draußen auf dem Platz mit dem alten Justizpalast regnet es immer noch. Warum redet man nur von Dutroux und nie von den Kindern und ihren Eltern, hatte Lilya Kirschenbilder noch gefragt, bevor das Telefon wieder klingelte. Jemand suchte ein Zimmer, für ein paar Wochen. Für die Zeit des Dutroux-Prozesses.

Mod: Die Dutroux Affaire hat das Vertrauen der Belgier in den Staat und seine Institutionen gründlich erschüttert. Von moralischer Erosion war die Rede. Von einer politischen Krise. Ein Staat, der so sehr mit sich selbst beschäftigt ist, dass er seine Kinder nicht mehr schützen kann – dieser Staat sei nichts mehr wert, hieß es. Plötzlich erinnerte man sich an all die Affairen, Skandale und Gewaltverbrechen, die Belgien schon seit Mitte der 80er Jahre belasteten, ohne freilich das Selbstverständnis vom friedlichen Kleinstaat im Herzen Europas ernsthaft zu erschüttern. Der Bestechungsskandal um die Rüstungsschmiede Agusta, der die halbe Regierung ins Zwielicht brachte. 1991die Ermordung des sozialistischen Spitzenpolitikers André Cools auf offener Straße in Lüttich.1995 die Ermordung eines Hormonfahnders, der offenbar der sogenannten Hormonmafia auf die Schliche gekommen war. Mitte der neunziger Jahre die Gewaltserie der mysteriösen Killer von Brabant, die 28 Todesopfer auf dem Gewissen haben. Schließlich die toten Mädchen. In diesem Klima kam der Verdacht auf, dass auch die Kinderschänder Verbindungen zum organisierten Verbrechen haben könnten, mit unheimlichen Verbündeten in Parteien und höchsten Gesellschaftskreisen.

Unter dem Eindruck der Dutroux-Affaire schrieb Jef Geeraerts, einer der bekanntesten Schriftsteller Belgiens, einen Kriminalroman, den er im Umfeld von Politik, Justiz und Kapital ansiedelte. Er heißt „Der Generalstaatsanwalt“ und schildert, wie sich der Titelheld immer tiefer in kriminelle Machenschaften verstrickt, bis er ihnen schließlich zum Opfer fällt. Mit Tricks und Winkelzügen bereichert er sich – und bringt unter äußerst zweifelhaften Umständen ein Grundstück in seinen Besitz.

Lit 1:

( 1.50)

Im Jahre 1991, er bekleidete seine Führungsposition gerade sechs Monate, wurde in erster Instanz ein „delikater“ Fall bearbeitet, der politisch derart aufgeladen war, dass er ihn sehr zur Erleichterung des damaligen Staatsanwaltes „an sich zog“.

Er hatte das Dossier gründlich studiert. Diese Affaire stank sieben Meilen gegen den Wind. Es ging um die Umwandlung von siebenundfünfzig Hektar Wald- und Heidefläche in einem geschützten Erholungsgebiet zu Villen-Bauland, bei der ein bekannter Antwerpener Immobilienmakler beteiligt war. Dieser hatte gemeinsam mit einem Notar und zwei Bürgermeistern, von denen einer der Schwager des flämischen Ministers für Umweltfragen und Raumordnung war, ein Konstrukt auf die Beine gestellt, das die Straftat der „Urkundenfälschung“ so geschickt hinter scheinbar wasserdichten juristischen Argumenten und Texten einer Reihe von Königlichen Beschlüssen, die keiner mehr kannte, verbarg, dass nur ein Jurist mit dem Verstand des Generalstaatsanwalts den Betrug hatte aufdecken können.

Aus den verschiedensten Gründen beschloss er, den Fall diskret anzupacken. (..) Das erste „Sondierungsgespräch“ hatte vom Amtsweg abweichend nicht im Gerichtsgebäude stattgefunden, sondern in einem Restaurant außerhalb Brüssels, das für seine „Salons“ bekannt war, wo man sich bei aller privacy in aller Seelenruhe unterhalten konnte. Die Zusammenkunft begann mit Champagner und einem vorzüglichen Lunch, zu dem der Makler, Walter de Ceuleneer,((sprich: de Köhleneehr)) ein Westflame aus Roselare ((Sprich: Ruhselahre)), geladen hatte. Er war in einem Rolls Royce Silver Shadow vorgefahren. Die anderen Tischgenossen waren die beiden Bürgermeister und der Notar gewesen. Man hatte die Meinung vertreten, den Minister einzuladen sei zu diesem Zeitpunkt noch nicht opportun.

Der Generalstaatsanwalt regelt das Geschäft in seinem Sinne – er profitiert von der Konfliktlösung im chambre separée. Diese Entscheidungs- und Machtstrukturen in elitären Führungszirkeln gerieten im Zusammenhang mit der Dutroux Affaire zunehmend ins Kreuzfeuer der Kritik. Der belgische Staat mit seinem wallonisch-flämisch Proporzdenken, der erbitterte Konkurrenzkampf der Parteien, die parteipolitische Durchdringung aller Institutionen, inclusive der Justiz: der gesamte Macht- und Staatsapparat stand plötzlich am Pranger. Und die Untersuchungsrichter, die den Eltern der Opfer kalt, abweisend und verständnislos gegenüber getreten waren, verstanden die Welt nicht mehr. Plötzlich regte sich Widerstand. Plötzlich begehrten ganz normale Leute auf gegenüber der Obrigkeit und forderten ihr Recht. Die Eltern der getöteten Kinder zeigten in ihrem Leid nicht nur Würde – ihnen wurde auch die Rolle des moralischen Gewissens gegenüber einem maroden und verantwortungslosen System zuteil. Einer von ihnen: Paul Marchal. Der Vater von An. Sonderschullehrer in Hasselt.  

REP 2:       Mut zur Wahrheit. Paul Marchal – der Vater eines Opfers

Klingeln , Auto, Motogeräusche, Türöffnen, Begrüßung (24 sec)

Es ist schon dunkel an diesem Abend im Februar, überall am Maastrichter Steenweg in Hasselt sind die Rolladen heruntergelassen, die Vorhänge zu. Nur das Fenster im Erdgeschoß von Nummer 196 ist erleuchtet. Huis van An, das Haus von An, steht groß auf der Scheibe. Ein freundlicher Mann  im hellblauen Flanellhemd öffnet die Tür. As schmale Gesicht mit Bart und Brille kennt ganz Belgien: Es ist Ans Vater, Paul Marchal.  

O-Ton 6

5)0.22 („… ik verwacht iets van het proces)

Ich erwarte einiges von dem Prozeß, sonst hätte ich aufgehört. Es gibt eine Reihe Dinge, die die Jury wissen muß, um dann ihr Urteil zu fällen. Wenn wir das nicht getan hätten, nicht immer wieder die Ermittlung verfolgt und in die Akten Einsicht genommen hätten, dann hätte die Jury nur einen Standpunkt erfähren, und das wäre der von Dutroux gewesen, von Lelièvre, Martin und Nihoul, aber eben nicht die Sicht der Opfer. Und deshalb ist es so wichtig, daß wir uns auch zu Wort melden. Und daher sage ich auch, daß ich durchaus etwas erwarte von diesem Prozeß.

 1.45  (… verwacht iets van het proces“) 

Paul Marchals Tochter An war siebzehn, als sie starb. Das sagen zumindest die Pathologen, aber viel mehr wissen auch sie nicht über die Umstände von Ans Tod. Gefunden wurde sie im September 1996 auf einem Grundstück von Marc Dutroux nach gezielten Grabungen der Staatsanwaltschaft von Neufchateau. Paul Marchal, Ans Vater, hatte seine Tochter zuletzt im Sommer 1995 gesehen, als sie sich verabschiedete, um mit Freunden an die belgische Nordseeküste zu fahren. Dort verschwand sie in einer Nacht, auf dem Rückweg von einer Veranstaltung in Ostende, gemeinsam mit ihrer Bekannten Eefje Lambrecks – ohne eine Spur zu hinterlassen. Bis zum Bekanntwerden der Affäre Dutroux ging die Polizei davon aus, An sei weggelaufen, lebe irgendwo mit einem Freund auf Ibiza. Wohin er sich auch wandte, Paul Marchal fand nirgends Gehör, als er von einem Verbrechen sprach und um weitergehende Aufklärung bat.   

O-Ton 7

16)3.30 („Telkens er mensen zijn die …)

 Leute, die sehr, sehr schreckliche Dinge berichten,  werden leicht unglaubwürdig gemacht und auch dafür gehalten, denn der Mensch hört in der Regel lieber eine schöne Geschichte als eine häßliche. Und ganz sicher ist das so, wenn es Kinder betrifft.

(…zeker als het dan nog over kinderen gaat.“)

 

Paul Marchal, Ans Vater, ist über die siebeneinhalb Jahre, die sich die Untersuchung der Affäre Dutroux nun schon hinzieht, zu einer Person geworden, die die meisten Belgier aus der Zeitung oder dem Fernsehen kennen. Der Lehrer mit der hellen Stimme, der an einer Schule im flämischen Hasselt Behinderte unterrichtet, er hat diese Bekanntheit nicht gesucht. Sie war eine Folge des ungleichen Kampfes, den dieser Mann vielleicht am sichtbarsten gekämpft hat gegen die Gleichgültigkeit des Staates und gegen die Ignoranz der Justiz gegenüber den Eltern der Mädchen, die von Dutroux und seiner Bande mißbraucht und ermordet wurden . 

O-Ton 8

13)        1.06 („In het verleden hat men maar… )

In der Vergangenheit hat man lang und breit über die Rechte von Dutroux als Mensch geredet. Dabei wurde mir das Kind gestohlen, sie wurde festgekettet, und sie ist vermutlich verhungert! Meine Tochter war damals 17einhalb Jahre. Als sie tot gefunden wurde, wog sie noch 30 Kilo. Über alles andere will ich gar nicht sprechen. Da redet man dauernd über die Rechte von Dutroux, und ich habe gar keine!

1.49 (…van Dutroux  - en ik heb er geen!“) 

Aufgrund seiner Erfahrungen gründete Paul Marchal, der immer freundliche, jungenhaft wirkende Fünfzigjährige mit dem Backenbart, 1996 das „Haus van An“. Hier helfen er und eine Handvoll anderer Freiwilliger in ihrer Freizeit Opfern von Mißbrauch und Gewalt – schnell, unbürokratisch und kostenlos. Von Marchals Kampf für die Ehre seiner Tochter profitieren heute viele Opfer und ihre Angehörigen im zweisprachigen Belgien.   

O-Ton 9.

11) 1.03  („Voor verdachte werd er zowiezo een tolk…), raus bei 12) 0.09, wieder rein und weiter bei 0.22 bis 0.42, wieder rein  bei 1.00, raus bei 1.03, wieder rein bei 1.12 , Ende bei 1.29. 

  Beschuldigte haben ein Anrecht auf einen Übersetzer, Opfer oder ihre nächsten Angehörigen haben keinen Anspruch auf einen Übersetzer, überhaupt nicht. Ich habe gesagt, schaut her, hier in dem Dutroux-Prozeß geht es unter anderem um meine Tochter. Der Prozeß wird in einer Sprache geführt, die nicht meine Muttersprache ist, sondern in einer Sprache, die ich bis vor ein paar Jahren überhaupt nicht verstand, sondern erst erlernt habe für und durch das Lesen des Dossiers.Ich kann dem Prozeß, der mein eigenes Kind betrifft, nicht mehr folgen. Da haben die Leute aufgehorcht, und es gab zwei Politiker, die einen Gesetzesentwurf eingebracht haben, daß auch Angehörige von Opfern Anspruch auf einen Übersetzer haben. Zwei Wochen später war das Gesetz verabschiedet, das im Volksmund das „Marchal-Gesetz“ heißt. Darauf bin ich sehr stolz..

1.29 (…en ik ben daar ook heel trots op.”)

Paul Marchal hat weiter gekämpft: zum Beispiel gemeinsam mit den Eltern der ermordeten Melissa und Julie dafür, daß auch die Eltern der Opfer Einblick in die Ermittlungen bekommen, und daß sie nicht mehr für jede Kopie 75 Cent bezahlen müssen – bei 400.000 Seiten Dutroux-Ermittlungen ein großer Fortschritt. Mit leichter Verwunderung erinnert sich Paul Marchal an das unendliche Vertrauen, das er vor dem Verschwinden seiner Tochter in den Staat und seine Institutionen hatte. Heute ist er sehr vorsichtig, wem er noch glauben und vertrauen kann. Blindes Vertrauen hat er allerdings in Staatsanwalt Bourlet – den Mann, der 1996 ganz Belgien in Atem hielt, als er sagte, er werden der Dutroux-Affäre auf den Grund gehen – wenn man ihn denn lasse.  

O-Ton 10

21) 0.20 („Het zijn mensen die de justitie…) bei 0.32 wieder raus. Bei 1.34 wieder rein, bei 2.03 wieder raus. Bei 2.16 wieder rein, bei 2.35 Ende. 

 Das sind Menschen, die die Justiz vertreten und die sind würdig! Die trauen sich, sind mutig, und bräuchten es doch nicht zu tun. (…) Und das ist ein besseres Gefühl als bei Untersuchungsrichter Langlois, der die Untersuchung fortgeführt hat. Wenn der mit mir redete, hatte ich das Gefühl, daß er in Wirklichkeit an sein Hobby, an schnelle Autos, dachte, und nicht an meine Tochter. Dieser Untersuchungsrichter hat mir selber einmal gesagt, daß es technisch unmöglich sei, achtjährige Kinder  zu vergewaltigen.(…) Bei diesem Gespräch war auch ein Anwalt dabei und ich fragte ihn, ob ich das falsch verstanden hätte. Aber der Anwalt bestätigte, daß der Untersuchungsrichter genau das gesagt hatte. In diesem Augenblick ist mein Vertrauen in diesen Untersuchungsrichter wie Schnee in der Sonne geschmolzen.

2.35 (… met de zon als sneeuw weggesmolten”) 

Untersuchungsrichter Jacques Langlois ist ein rotes Tuch für die Eltern aller toten Mädchen. Die Familie Russo, deren Tochter Melissa auch in Dutroux´ Keller starb, wird nicht am Prozeß teilnehmen, weil nach den Ermittlungen von Langlois bis heute nicht feststeht, wer ihr Kinder entführt, mißbraucht und getötet hat, wann das geschah und warum. Auch bei An Marchal und ihrer Freundin Eefje haben die Ermittlungen keine Klarheit darüber gebracht,  wer sie entführt hat und wie sie ums Leben gekommen sind.   

In den letzten Wochen ist Paul Marchal noch seltener dazu gekommen, Luft zu holen als sonst. Er hat sich intensiv auf den Prozeß vorbereitet, versucht, sich zu rüsten für das Furchtbare, was er dort wahrscheinlich zu hören bekommt. Nun sorgt er sich vor allem um seine Familie. Die Kinder bleiben  in Hasselt, weit weg von Arlon. Doch Paul Marchal hat trotzdem Angst davor, was der Prozeß und die Berichte bei den drei jüngeren Geschwister von An auslösen könnten:  

O-Ton 11

2.17 (“Ik heb nog drie kinderen …), raus bei 2.34. Dazu 6)

 Ich habe noch drei weitere Kinder, und für sie ist all das längst nicht vorbei. Ich will ihnen keine Einzelheiten aus unserem Privatleben erzählen, aber ich kann ihnen sagen, daß die Situation  alles andere als einfach ist.(…)

Ich weiß es selber nicht, wo ich die Kraft hernehme. Ich weiß aber, daß das, was unter anderem meiner Tochter passiert ist – nicht nur ihr, aber auch ihr, daß das absolut sinnlos ist, es ist so schrecklich, es ist völlig unglaublich, bizarr, so daß es für mich durchaus sinnvoll ist, etwas zu unternehmen. Ich bin es auch der Ehre meines Kindes, Ans Ehre, schuldig, etwas zu tun, damit ein wenig Gerechtigkeit geschieht. Daraus ziehe ich sicher einen Teil meiner Kraft. Das ist alles, was wir noch für An tun können. Wir haben sie nicht rechtzeitig zurückholen können, wir haben nichts von dem verhindern können, was sie durchlitten hat.Was wir jetzt nur noch tun können, ist,  daß ihr Name dafür steht, daß so etwas in Zukunft verhindert werden kann. Das gibt mir Kraft.

1.40(… dat ik daar van en stuk de kracht van haal.“)

Mod: Noch ist offen, zu welchen Ergebnissen dieser Prozess gegen Dutroux und seine Komplizen kommen wird. Noch ist offen, ob das Verfahren den Blick freigeben wird auf Hintermänner und Drahtzieher des internationalen Mädchenhandels. Doch soviel ist sicher: Das Bewusstsein für Sexualstraftäter und ihre Opfer ist gewachsen. Eltern sind vorsichtiger geworden, Erwachsene aufmerksamer, die Öffentlichkeit sensibler. Kinder werden ernster genommen. Das Thema Kindesmissbrauch ist kein Tabu mehr – es ist zum Thema in Kindergärten und Schulen geworden. Mehr noch: Seit Dutroux wurden die Grenzen für die Liberalisierung des Strafrechts enger gezogen. Der Schutz der Kinder ist stärker ins Blickfeld gerückt. Unvorstellbar, dass noch einmal - nach 1992 – ein Justizminister wie Melchior Wathelet einen verurteilten Kindesvergewaltiger wie Marc Dutroux aus dem Gefängnis entlassen könnte, obwohl der Häftling noch nicht einmal ein Drittel seiner Strafe verbüßt hatte. Und obwohl der Gefängnisdirektor von einer Entlassung abriet. Diese Entscheidung sollte sich als eine der bittersten Fehlleistungen in dieser Affaire erweisen, die zur Staatskrise zu werden drohte.

 „Wir haben versagt, wir konnten die Sicherheit unserer Kinder nicht gewährleisten“, bekannte damals Belgiens König Albert II und fand als erster angemessene Worte gegenüber den Eltern der ermordeten Kinder und gegenüber der schockierten Öffentlichkeit. Erst da kam ins Bewusstsein, dass nirgendwo sonst in Europa so viele Kinder vermisst wurden wie in Belgien.  

Löwen in Flandern. Eine Beratungsstelle für Kindesmissbrauch und Kindesmisshandlung. Seit vielen Jahren hat man hier Erfahrung mit Opfern. Und mit Tätern 

REP 3:       Kindesmissbrauch und die Folgen. Das Vertrouwenscentrum Kindermishandeling in Löwen                                          

2.18 „hier heb ik een roode draat…“

 Wenn sie gar nicht mehr weiter weiß in einem besonders schwierigen Gespräch, dann nimmt Lisbet Smeyers ein rotes Wollknäuel von ihrem Schreibtisch, schneidet ein Stück Faden ab und drückt es dem Kind in die Hand. Der kleine rote Faden hat für viele mißhandelte und mißbrauchte Kinder eine solche Bedeutung, daß sie sich auch als Erwachsene nie davon trennen. Er gilt ihnen als Beweis,  daß jemand ihre Not erkannt und versucht hat, ihnen zu helfen. Die Betroffenen, die Opfer,  hätten nicht mehr das Gefühl, allein zu sein, dieses Gefühl,  nirgendwo Gehör zu finden. 

ATMO 5

Wollknäuel-Atmo  noch mal hoch 

In einem Büro- Gebäude in der flämischen Universitätsstadt Löwen, entlang eines langen, kahlen Flures, sitzen die Mitarbeiter des Vertrouwenscentrums Kindermishandeling in ihren nüchternen kleinen Büros und versuchen zu helfen. Das geschieht zuerst über Gespräche - mit den Opfern, und meistens auch den Tätern. Denn die gehören häufig zur Familie.

Seit die Dutroux-Affäre in den Medien nicht mehr das große Thema ist, sei auch die Zahl der Anrufe wieder zurückgegangen, berichtet Lisbet Smeyers. Verändert habe sich  jedoch  die Qualität der Hinweise- viele Menschen fühlen sich inzwischen stärker verpflichtet,  auf Anzeichen für Mißbrauch und Mißhandelung zu reagieren:   

O-Ton 14

TAKE 12 6.40 („Wat mischien in de laatste periode…)

Was wir in der letzten Zeit doch öfter erfahren, das ist, daß die Menschen, die einen Vorfall melden, sich schon geraume Zeit mit der Situation des Kindes beschäftigt haben. Wenn man dann am Telefon fragt, woran sehen Sie, daß es dem Kind schlecht geht, kommt öfter die Antwort: Das kann ich schlecht erklären, aber ich fühle es.  Das ist schwer, so mit der Arbeit zu beginnen. Aber wenn ich dann später die meldende Person spreche, dann erzählt diese mir oft, daß sie all das selber mitgemacht hat, das sie als Kind geschlagen oder mißbraucht wurde. So jemand  erkennt sich selber wieder in diesem Kind. Das ist doch gut. Deshalb sage ich immer wieder, wir müssen versuchen, Verbindungen stellen. Dann schafft man es, daß Menschen ihre Augen aufmachen, und das brauchen wir dringend. Denn wenn wir auf die ganz deutlichen Signale warten, dann kommen wir fast immer zu spät. Wir wollen aber gleich am Anfang da sein.

8.15 (in dat eerste staadium dat wij willen bij zijn.“) 

An das Jahr 1996 kann sich Lisbet Smeyers noch sehr gut erinnern: Bis Marc Dutroux festgenommen wurde, war es ein ganz normales Jahr, vom Spätsommer an stand das Telefon nicht mehr still im Löwener Vertrauenszentrum: Die Mitarbeiter wurden mit Angst konfrontiert, bis hin zur Hysterie, aber auch mit quälender Vergangenheitsbewältigung: Da riefen Menschen an, die in ihrer Jugend mißbraucht worden waren und die durch die Dutroux-Affäre noch einmal all das Schreckliche erlebten, was sie jahrelang erfolgreich verdrängt hatten. Doch die meisten Hilfesuchenden waren einfach nur tief schockiert über das, was den Opfern von Marc Dutroux passiert war, sie waren vor allem ratlos.  

O-Ton 15

3)0.03 („Anvankelijk hadden wij heel veele…)

Anfangs haben wir ganz viele Anrufe von Elten und Lehrern bekommen, die fragten, was sie nun tun könnten. Wenn so etwas Schreckliches passiert ist, dann wird eine Verbindung hergestellt mit anderen Folgen von Trauer, Schmerz und Leid. So ist es immer: Wenn man mit einem gesellschaftlichen Leiden konfrontiert wird,  stellen Menschen die Verbindung zu dem Leiden her, das sie selber durchleiden oder durchlitten haben.

0.45 (…  eigene vorm van leiden.“) 

Längst sind es wieder die konkreten Fälle, die Lisbet Smeyers beschäftigen: das Mädchen, das vom eigenen Vater mißbraucht wird, die Mutter, die das nicht wahrhaben will. Lisbet Smeyers redet mit dem Kind, redet mit den Eltern, redet ihnen ins Gewissen, immer wieder. Die  Sozialarbeiterin vor Ort ist längst eingeschaltet.  Erst wenn das alles nicht hilft, wird sie die Polizei verständigen, beim Jugendrichter anrufen. Ja, sagt sie, bei Gericht gehe man seit der Affäre anders um mit Kindern, nehme ihre Aussagen ernster als das früher der Fall war.

O-Ton 16

004  (0.23 „Dat word hat meer zijn plaats gekregen…)

Man schenkt den Gefühlen der Furcht und Angst heute deutlich mehr Beachtung. Es ist nicht mehr nur wichtig, schnell, eifrig und odentlich zu sein - man darf auch Angst zeigen, und findet dafür Verständnis. Das sind Entwicklungen, die wir leider auch brauchen, denn Kinder haben zu allen Zeiten mitgeteilt, daß sie Angst haben. Aber wir als Eltern müssen erkennen lernen, was für ein Signal das Kind aussendet. 

1. 08 (… van wat is dit een signal voor ons.“)

Mod: Wären Untersuchungsrichter Jean-Marc Connerotte und Staatsanwalt Pierre Boulet im Sommer 1996 nicht mit der Suche nach einem weiteren entführten Mädchen betraut worden – dann wäre die ganze Dutroux-Affaire vielleicht bis heute nicht ans Licht gekommen. Die Fahndung nach An und Eefje, nach Julie und Melissa lag bis dahin in der Verantwortung unterschiedlicher Gerichtsbezirke. Die Dienststellen der unterschiedlichen Behörden ermittelten eher gegeneinander als miteinander. Faxe blieben liegen. Hinweise blieben unbearbeitet. Die Polizei lag im Krieg mit sich selbst.   

Doch dann, im Sommer 1996, wird die vierzehnjährige Laetitia im Süden Belgiens entführt. Zuständig ist der Gerichtsbezirk Neufchateau.  Untersuchungsrichter Connerotte und Staatsanwalt Boulet. Beide nehmen die Fahndung ernst. Nach vier Tagen ist Marc Dutroux gefaßt. Laetitia und Sabine, ein sechstes Entführungsopfer, werden befreit. Doch An und Eefje, Julie und Melissa sind bereits tot. Dutroux zeigt den fassungslosen Beamten, wo er ihre Leichen verscharrt hat.

Eine Lappalie wird Untersuchungsrichter Connerotte zum Verhängnis. Er geht auf eine Solidaritätsveranstaltung für die Opfer, zu einem harmlosen Spaghetti-Essen. Und sieht sich sofort mit dem Vorwurf konfrontiert, in dem Verfahren Partei ergriffen zu haben. Er muß den Fall Dutroux abgeben.

Die Folge ist eine unvergleichliche Protestwelle, die die Gegensätze zwischen Flamen und Wallonen vergessen lässt und ganz Belgien zusammenschweißt. Es kommt zu Massendemonstrationen. Hunderttausende sind auf den Beinen. Und sie tragen alle weiß. Die Farbe der Unschuld und der Gewaltlosigkeit. Das ist die Geburtsstunde der Weißen Komitees. 

REP 4:       Plädoyer für einen neuen Bürgersinn: Die weißen Komitees                                                                                                        5.28

Im winzigen Kopierraum spuckt eine riesige Maschine Blatt für Blatt aus,  die monatlichen Mitteilungen der Weißen Komittees. Die drei  ehrenamtlichen Mitarbeiter, alle längst pensioniert, machen derweil Mittagspause. Im dem ebenso kleinen Zimmer nebenan sitzt Carine t´Kint und schaut etwas gequält aus dem Fenster auf die altflämischen Spitzgiebel auf der anderen Straßenseite. Die Erinnerung an die hochfliegenden Erwartungen während der Gründungsphase der Weißen Kommittees überall im Lande tut Carine t´Kint sichtbar weh. 

O-Ton 17

2) 2.33, fast 3) („Au début il y a eu la grande commotion de…)

Am Anfang stand 1996 die große Empörung., als man entdeckte, was Dutroux alles Schreckliches getan hatte. Danach war es eher eine Revolte, als der Untersuchungsrichter Connerotte von den  Dutroux-Ermittlungen abgezogen wurde. Dann gab es während des Weißen Marsches diese ungeheure Hoffnung, als die Bürger glaubten, alles würde sich verändern, von heute auf morgen, daß auf jeden Fall ein großer Schritt nach vorne gemacht würde. Das war dann aber nicht der Fall. Die Weißen Kommittees sind aus diesem Geist der Hoffnung heraus entstanden, alles würde sich schnell ändern

 0.43(… allait changer assez vite.“) 

Die blonde Enddreißigerin, alleinstehend und ohne Kinder, war von Beginn an dabei in der Bürgerbewegung, die sich im Sommer 1996 in Belgien aus dem Nichts heraus entwickelte. Carine t´Kint erzählt, dass ihr schon lange vorher unwohl war, bei allem, was schief gelaufen war im Land. Sie hatte das Gefühl, dass sie nicht länger einfach nur zuschauen wollte. Als dann im August zwei vermisste Mädchen aus den Kellern von Marc Dutroux befreit wurden, und vier weitere Kinder tot auf seinen Grundstücken ausgegraben wurden, da war Carine t´Kint klar, dass sie etwas tun müsse. Das katastrophale Versagen der belgischen Polizei und Justiz im Fall Dutroux  war der Auslöser für das Engagement der Frau:  

O-Ton 18

Take 5   0.16(„C´était un problème lié à l´enfant…)

 Hier ging es um Kinder, und ich fühlte mich persönlich betroffen. Da mußte was passieren. Wenn Geld an die Falschen fließt oder ein Minister ermordet wird, ohne daß man Auftraggeber oder Mörder findet, oder wenn die Killer, die in mehreren Supermärkten 29 Menschen wahllos niedergemäht haben, nicht gefasst werden- schlimm, ja. Aber wenn Kinder angegriffen werden, dann muß man reagieren. Ein Kind ist das schwächste Glied unserer Gesellschaft. Als Erwachsene sind wir für sie verantwortlich. Ich fand, es mußte etwas geschehen. Ich sagte mir: Stop, wir müssen endlich aufwachen.

1.08 (…il faut se réveiller!“) 

Damals wurden viele Belgier wach und begriffen, welchen Kampf die Eltern über ein Jahr lang völlig allein gekämpft hatten. Schon im Dezember 1995, als die Polizei noch über keinerlei Hinweis  verfügte, was mit der achtjährigen Julie und ihrer Freundin Melissa passiert war, hatte die zuständige Lütticher Untersuchungsrichterin den Eltern kondoliert, frei nach dem Motto: Weitersuchen hat wenig Sinn, Eure Kinder sind doch tot. Wir haben viel zu lange nur zugeschaut, kritisiert Carine t´Kint rückblickend 

O-Ton 19

Take 6 („Le citoyen a toujours laissé faire…“)

Der belgische Bürger hat die Sachen immer geschehen lassen. Er hat durchaus Vertrauen in manche Institutionen, und hielt es nicht für seine Aufgabe, sich einzumischen in die Politik oder die Justiz. Die Affäre Dutroux hat da einiges ausgelöst, Mentalitäten verändert und unser Dasein insgesamt.

 0.43 (… de mentalité et de manière d´être.“) 

Von 1996 bis heute, siebeneinhalb Jahre lang, haben Carine t´Kint und ihre Handvoll ehrenamtliche Mitstreiter im Koordinationsbüro aller Weißen Komittees in Belgien, versucht, etwas von der Aufbruchstimmung des Weißen Marsches zu retten. Es war ein Kampf für Reformen im Land, vor allem in der belgischen Justiz. Ein Kampf, der bis heute mit ungleichen Waffen ausgetragen wird  und alles andere als einfach ist:  

O-Ton 21

17) („Il n´y a pas eu la volonté politique…“),

 Es fehlt der politische Wille. Man hat nicht gezögert, Milliarden für eine neue Polizei auszugeben, etwas, das der Weiße Marsch wirklich nicht beabsichtigt hatte. Warum das bei der Justiz anders ist, den Mangel an politischem Willen können wir uns wirklich nicht erklären. Die Politiker haben Child Focus gegründet, diese Organisation soll sich um verschwundene Kinder kümmern. Das ist gut, aber das ist auch Fassade- das ist sauber, ordentlich, aber das ist Imagepflege (…) Sie hätten die Justiz reformieren sollen. Eine Organisation wie Child Focus zu gründen, ist einfach, aber die Justiz zu reformieren ist eine ganz andere Aufgabe.

1.10 (…voilà une autre entreprise.“) 

Aber wenn sich auch die Hoffnungen der Weißen Konmittees nur sehr bedingt erfüllt haben, so hat es doch eine grundlegende Veränderung in der belgischen Gesellschaft gegeben. Auf die sind Carine t´Kint und ihre Mitstreiter sehr stolz:  

O-Ton 22

11) („Il est plus méfiant, il se bat plus – FRAGE RAUS und weiter)

Die Belgier sind mißtrauischer geworden, sie kämpfen mehr, sie kennen ihre Rechte besser. Ich glaube, daß die Belgier begriffen haben, daß sie selber etwas unternehmen müssen, wenn sie die Dinge verändern wollen. Sie können das nicht nur den Medien, der Politik oder der Justiz überlassen- sie müssen auch sagen, was sie wollen und wie die Dinge sein sollten. Wenn sie nur zuhause sitzen und Fernsehen gucken, dann haben sie es nicht anders verdient.

 1´10  (… il n´a ce qu´il mérite.“) 

Mod: Belgien acht Jahre nach dem Tod von An und Eefje, Julie und Melissa – Belgien vor dem Dutroux-Prozess: Welche Konsequenzen sind gezogen worden? Und: hat sich das Land verändert? Der Schock wirkt noch nach. Der Tod der Kinder ist nicht verkraftet. Und auch das wird der Prozess zeigen: das Misstrauen gegenüber dem Staat und seinen Institutionen sitzt noch immer tief. Immerhin: die neue Regierung unter dem liberalen Politiker Guy Verhofstadt hat sich über alle Widerstände aus den Kreisen der verschiedenen Polizeibehörden hinweggesetzt und eine Polizeireform durchgezogen. Reichswacht, Gerichtspolizei und Gemeindepolizei arbeiten heute unter einem Dach. Doch ob die neue Struktur auch mehr Effizienz bedeuten wird, bleibt noch abzuwarten. Und die finanzielle Ausstattung der Polizeibehörden ist keinesfalls beser geworden.

Zu einer grundlegenden Reform hat es nicht gereicht. Die Justiz arbeitet noch wie eh und je. Dabei gingen die größten Fehlleistungen bei der Fahndung nach Dutroux auf das Konto der Justizbehörden. Die Beharrungskräfte sind offenbar zu groß.

Der Schriftsteller Jef Geeraerts hat sich in die Atmosphäre hineinversetzt, die bei den Beratungen über die Neuordnung der Judikative geherrscht haben mag. Jedenfalls klingt seine Schilderung in dem Kriminalroman „ Der Generalstaatsanwalt“ äußerst authentisch.

Am Freitag, dem 4. Juni, seit zehn nach elf saß der Generalstaatsanwalt der Tagung der Generalstaatsanwälte vor, die in einem mit nachgemachtem Louis-XV-Mobiliar eingerichteten Raum im zweiten Stock des Justizministeriums stattfand. (...)

Um halb zwei unterbrach der Generalstaatsanwalt die Sitzung, weil sie über Punkt eins der Tagesordnung noch nicht hinausgekommen waren: Die genaue Definition des Begriffs „kriminelle Vereinigung“. Tatsächlich aber ging es nur um die Kompetenzen, mit denen der neue föderale Polizeichef ausgestattet werden sollte, der in der neuen Struktur eng mit dem neuen Bundesanwalt zusammen arbeiten musste. Und wie so oft hatte die Versammlung nichts erbracht, außer einer uferlosen Diskussion zwischen Flamen, Wallonen und Brüsselern, wobei keiner dazu bereit war, auch nur einen Millimeter von seiner Position abzurücken.

So hatte sich die eigentliche Tagesordnung derart verschoben, dass schließlich darüber abgestimmt wurde, ob die Tagung nach der Mittagspause fortgesetzt oder besser auf einen späteren Termin verlegt werden sollte. Man neigte allgemein zu letzterer Lösung.

Das Mittagessen wurde wie immer im Chez du Parc eingenommen. Als das Dessert serviert wurde und jeder ein Glas Chateau D`Yquem 1964 dazu bekam, war die Stimmung unter den acht Gästen auffallend ausgelassen. Die Probleme der Tagung waren vergessen, und sollten derartige Kinderkrankheiten in Zukunft noch einmal auftreten, dann würde durch gemeinschaftliche Beratung ohne jeden Zweifel ein Kompromiss nach belgischer Art ausgekocht werden, um den Erhalt der bestehenden Machtstrukturen zu sichern.     

 Mod: Aus einer Justizreform an Haupt und Gliedern ist bis heute nichts geworden. Auch die neue Regierung hat sich nicht durchsetzen können. Die Resignation über ausgebliebene Konsequenzen auf allen Ebenen und Etagen - sie ist Teil der äußerst gemischten Bilanz vor dem Prozess in Arlon. Da wurde gebremst und blockiert, geschlampt und vertuscht. Warum? Bis heute konnte der Verdacht nicht ausgeräumt werden, dass Dutroux kein Einzeltäter war, sondern Teil des organisierten Verbrechens. Und die Zweifel wollen nicht verstummen, dass die Täter über politische Beziehungen verfügten, unter besonderem Schutz standen und möglicherweise noch immer stehen. Doch niemand hat seinen Stuhl räumen müssen. Nicht bei der Polizei. Nicht bei der Justiz. Nur Untersuchungsrichter Connerotte musste den Fall abgeben. Ausgerechnet der Mann, der Dutroux verhaftete.

Die lange Liste der Ungereimheiten hat so manche verbittert. Rudy Hoskens zum Beispiel. Aus Empörung quittierte er seinen Dienst bei der Bundespolizei. 

REP 5:       Frustriert, wütend, stolz: Ein ehemaliger Beamter der Reichs-Wacht, der seinen Dienst quittierte                                   7.25 

Atmo 8   -  Take 27/28, nur 5 sec ( beide Atmos mischen, dann drunterziehen)  

Der Mann sitzt ganz gerade auf seinem Stuhl an dem kleinen Tisch in einem Brüsseler Bistro. Wenn er spricht, hält er Blickkontakt. Ein gutaussehender Typ, Anfang 40. Sportlich und sehr kontrolliert.  

O-Ton 23

TAKE 11

Ich war so frustriert, angry, wütend, daß ich gesagt habe, daß ich da nicht mehr arbeiten wollte. Ich war sehr stolz, bei der Reichswacht gewesen zu sein,. Bin ich immer gewesen. Ich habe da 17 Jahre gearbeitet. Aber nach solchen Sachen sagte ich tschüß und hab mir etwas anderes gesucht. (0.28) 

Vor vier Jahren hat Rudy Hoskens die belgische Bundespolizei, die Rijkswacht, verlassen. Es war ein Abschied voller Wut und Enttäuschung: Als seine Ermittlungen heiß wurden, war Schluß, alle weiteren Untersuchungen wurden ihm entzogen,  er und seine Kollegen hatten monatelang nichts mehr zu tun.

Dabei schien dem Mann, der heute erfolgreich sein Geld mit Unternehmensberatung verdient, in den Neunzigern eine glänzende Karriere bevorzustehen. Rudy Hoskens ermittelte in Wirtschaftsstrafsachen, in großen Korruptionsaffären. Er wurde gelobt und gefördert, die Fälle, die man ihm anvertraute, wurden immer größer.

Als im August 1996 überall im Land die Ermittlungen in der Affäre Dutroux begannen, war auch Hoskens dabei. Er wurde Chef einer Sondereinheit. 

O-Ton 24

 TAKE 003 (0.18)

 Am Anfang war es eine Arbeit wie jede andere. Wir haben angefangen mit den Finanzsachen von Dutroux, und von der einen Sache sind wir zur anderen gekommen. Das war für uns normale Arbeit. Ob es um Drogen geht oder um Kinder, Mord oder Finanzen – Arbeit ist Arbeit.  (38“) 

Die Ermittler in Hoskens´ Team hatten alle Freiheiten, die Vorgesetzten hielten sich zurück. Hoskens und drei weitere Kollegen kümmerten sich bald auch um die Zeugen, die sich unter einer landesweit verbreiteten Telefonnummer gemeldet hatten, um der Polizei weiterzuhelfen bei ihrer Suche nach Pädophilennetzwerken. Die Ermittler tauchten ein in eine Welt, deren Existenz bis dahin niemand hatte wahrhaben wollen. Sie sahen Dinge, die kein normaler Mensch gerne sieht, Videos, auf denen kleine Kinder mißbraucht wurden, so schlimm, daß die Untersuchungsrichterinnen fluchtartig den Saal verließen. Sie hörten Geschichten von jungen Frauen, denen vor Jahren das passiert war, was sie auf den Videos gesehen hatten.

 Die Geschichten von Pädophilen-Netzwerken in Belgien, die 1996 im ganzen Land kursierten, hält Rudy Hoskens nach dem, was er damals gesehen und gehört hat, für mehr als nur Gerüchte - aber er kam nicht mehr dazu, der Sache auf den Grund zu gehen. 

O-Ton 25

Take 019  (0.05)

 Wir haben nie gesucht nach Netzwerken, wir haben gearbeitet an den Sachen, die wir aus den Aussagen bekommen haben. Netzwerke, das war am Ende, daß wir das hätten feststellen können, so weit sind wir nicht gekommen.  

Die erste Zeugin bekam den Decknamen X1.  Sie berichtete den Ermittlern, daß sie als Kind von ihren Eltern gegen Geld an Pädophileringe vermietet worden war, viele Jahre lang. Aber da war noch mehr: Die Zeugin X1 schilderte den Ermittlern einen Mord an einem jungen Mädchen, der seit Jahren unaufgeklärt war. Viele Details stimmten mit alten Ermittlungsergebnissen überein, Details, die niemals in der Zeitung gestanden hatten. Doch nicht alle in Polizei und Justiz waren über die Aussagen der Zeugin X1 und den Eifer der Ermittler um Rudy Hoskens erfreut. Als immer mehr sogenannte X-Zeugen auftauchten und von Sexparties erzählten, auf denen sie als Kinder mißbraucht worden waren, da zog die Hierarchie die Notbremse. Wir wurden blockiert, erinnert sich Rudy Hoskens: 

O-Ton 26

  TAKE 6/7

  Wir haben es gemerkt im April oder Mai 1997, aber das hatte schon angefangen im Januar oder Februar. Aber wir haben es nicht von Anfang an gemerkt. (…) Was wir gespürt haben ? Daß andere Kollegen, die Sachen, die wir gemacht haben, nochmal überprüften, die Aussagen anders interpretierten (…) Viele Sachen, die wir machen sollten oder wollten, konnten wir nicht mehr machen  wie eine Observation oder so(…) Ich machte eine Anfrage wie üblich, das war eine Sache, die schon seit Monaten lief, bürokratisch, und von der einen auf die andere Minute sagen sie: Nun machen wir das nicht mehr. 

Sie mußten ihre Arbeitsräume verlassen, die Dossiers übergeben. Arbeit gab es für Hoskens und seine Kollegen nicht. Statt dessen wurde eine Untersuchung gegen sie eingeleitet. Der Vorwurf lautete, sie hätten die Protokolle der Zeugin X1 gefälscht. Hoskens Teamchef und dessen Stellvertreter wurden in den vorzeitigen Ruhestand versetzt und erst vor zwei Jahren rehabilitiert.

Die Zeugin X1 wurde gezielt unglaubwürdig gemacht. Ihr wahrer Name Regina Louf erschien auf einmal in der Presse. Mit Foto und Namen wurde sie in mehreren Medien als geltungssüchtig, unehrlich oder sogar geisteskrank dargestellt.

Warum? Warum passierte all das, nicht einmal ein Jahr nach dem Bekanntwerden der Affäre Dutroux? Der frühere Polizist Hoskens ist ratlos. 

O-Ton 27

TAKE 9

Das ist eine sehr gute Frage, und das frage ich mich noch immer jeden Tag, was wir gemacht haben, was, wie man in Belgien sagt, het licht niet mag zien …. Nicht ans Licht kommen darf. Ja, so etwas glaube ich, aber was das war, weiß ich nicht. Wir haben nur unsere Arbeit gemacht, und das wars.  

Rudy Hoskins wurde drei Jahre lang nicht befördert. Er ging zu seinen Vorgesetzten, zum Untersuchungsrichter. Er wollte wissen, was er schlecht oder falsch gemacht hatte. Nichts, antwortete man ihm. Nach einem halben Jahr ohne Arbeit durfte Rudy Hoskins wieder ermitteln – zurück in der Abteilung Finanzbetrug und Korruption. Die Dossiers der Pädophilie-Zeugen sah er nie wieder. 1998, zwei Jahre nach Beginn der Ermittlungen, wurden die Akten der X-Zeugen geschlossen.

Warum? Rudy Hoskins zuckt mit den Schultern: Vielleicht sollte das Image Belgiens nicht weiter beschmutzt werden, vielleicht gab es mächtige Leute, die ein Interesse hatten, daß nicht mehr herauskam – weil sie andere schützen wollten, schützen mußten.  Rudy Hoskens kann oder will es nicht sagen. 

O-Ton 28

TAKE 25

Es ist ganz einfach, eine Person zu erpressen, wenn man ein Video von ihr macht mit einem Kind oder einer Frau(…) Auch Regina Louf hat erklärt, daß sie auf Video aufgenommen wurde. Wenn es stimmt, daß die Leute, die Regina mißbraucht haben, auf Video waren, dann konnte man sie erpressen. 

Einmal in der Woche trifft der Ex-Polizist seine alten Vertrauten von der Rijkswacht. Die Stimmung sei mies, erzählt er, wer damals engagiert war, sei heute frustriert, sei nur geblieben, weil er anderswo keine Chancen hatte. Die Polizeireform, in der die früher oft konkurrierenden Dienste der Bundespolizei, der lokalen Polizei und der Gerichtspolizei zusammengelegt wurden, habe in der Sache nichts gebracht, die Bürokratie sei nach wie vor groß, die Ausstattung immer noch jämmerlich.

Hoskens ist froh, daß er vor vier Jahren den Absprung geschafft hat, und er wirkt auch nicht frustriert. Aber sein persönliches Fazit klingt reichlich resigniert: Er würde sich kein zweites Mal so engagieren wie bei den Ermittlungen im Rahmen der Affäre Dutroux: 

O-Ton 29

Take 17  

Nein, glaube ich nicht. Ich glaube daran nicht mehr.  

Das waren: Gesichter Europas. Ein Land hält den Atem an. Belgien vor dem Dutroux-Prozess. Sie hörten eine Sendung von Doris Simon. Musik: Ehrhard Gehl. Am Mikrophon verabschiedet sich im Namen von Redaktion und Technik Thilo Kößler. 

Copyright © 2001 Wolfgang Ferner
Stand: 14. April 2008