Weiblich
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Jeanette Kießling

 

Weiblich, ledig, jung, abhängig

 

Tina sitzt mit ihren beiden männlichen Begleitern auf dem Gang vor dem Sitzungssaal 2236. Sie raucht selbstgedrehte Zigaretten und trinkt Kaffee aus einem Plastikbecher. „Du musst auch langsam mal aufhören zu saufen“, sagt einer ihrer Bekannten, „morgens schon die Pulle am Hals – das ist doch das Letzte“. „Ja, mach ich auch. Aber wenn ich nix trinken würde, dann würde ich hier so sitzen“, sagt Tina und lässt ihre Hände zittern. Sie ist 27 Jahre alt, zierlich und hat strähnige, rötlich-blondierte Haare. Sie ist angeklagt, weil sie gegen das Betäubungsmittelgesetz verstoßen hat. 4,4 Gramm Heroin fand man in ihrer Hosentasche, als sie ihren Ex-Freund Jens im Gefängnis besuchte.

„Das ist kein Kavaliersdelikt“, sagt Strafrichter Dr. Hans-Jochen Siecken in der Verhandlung. Der Staatsanwalt macht es noch deutlicher: „Sie haben Heroin in den Knast gebracht. Das ist eine Riesensauerei“. Tina weiß das: „Ich war ganz schön abgestürzt“. Sie kann nichts zu ihrer Verteidigung sagen, die Sachlage ist klar. Sie kann nur den Vorfall erklären: „Damals war ich ja noch mit Jens zusammen. Der hat zu mir gesagt, ich soll eine Telefonnummer anrufen und mich mit einem Typen treffen. Ich bin dann mit der Linie 7 Richtung Fasanenkrug gefahren und irgendwo ausgestiegen. An einer Telefonzelle traf ich mich mit einem Ausländer, der mir das Heroin gegeben hat. Bezahlen musste ich dafür nichts. Ich sollte das Heroin nur holen und zu Jens bringen.“ Richter Siecken fragt, ob Tina die Telefonnummer noch hat, die sie damals anrufen sollte. „Nein, Jens hat gesagt, ich soll anrufen und dann sofort den Zettel wegschmeißen.“

„Eine Riesensauerei“, findet der Staatsanwalt.

Richter Siecken studiert Tinas Vorstrafenregister: Diebstahl steht da, Rauschgiftbesitz in 86 Fällen und fünfmal wird ihr Handel mit Betäubungsmitteln vorgeworfen. „Gibt es vielleicht noch etwas, das wir nicht wissen?“ fragt der Richter. „Ja“, sagt Tina, „ich hab noch was geklaut. Ein Mal 2 Euro 50 und ein anderes Mal ein Duplo und was zu trinken.“ Tina lebt von Arbeitslosenhilfe und Wohngeld, das sind zusammen ungefähr 500 Euro im Monat. Sie ist ausgebildete Arzthelferin. „Ich rappel mich jetzt wieder auf“, sagt sie dem Richter. „Ich bin im Methadon-Programm und warte auf einen Therapieplatz. Meine Tagesdosis konnte schon von 6 auf 3 Milliliter Methadon am Tag reduziert werden. Meine Frau Doktor ist richtig stolz auf mich, weil meine Urinwerte in Ordnung sind. Einmal pro Woche gehe ich zur Drogenberatung. Mir tut alles sehr leid, was ich gemacht habe, und ich mache das auch nie wieder!“

„Wissen Sie, wie oft ich diesen Satz schon gehört habe?“, fragt der Richter. „Sie sind abhängig. Das hört sich für Sie vielleicht hart an, weil Sie jetzt Methadon statt Heroin nehmen, aber es stimmt. Sie müssen eine Therapie machen.“

Der Staatsanwalt fordert vier Monate auf Bewährung mit dreijähriger Bewährungszeit. Das ist dem Richter zu wenig. Er gibt zehn Monate. Ohne Bewährung. „Sie bekommen eine Haftstrafe ohne Bewährung, damit Sie eine Therapie anfangen“, erklärt er der Angeklagten. „Die Zeit der Therapie wird auf die Haftstrafe angerechnet und der Rest kann dann zur Bewährung ausgesetzt werden.“ Die Verfahren, die auf Tina wegen kleinerer Delikte noch warten, könnten aufgrund dieses hohen Strafmaßes eingestellt werden – allerdings nur, wenn Tina dementsprechende Anträge stellt. „Schreiben Sie den Gerichten, dass Sie heute zehn Monate ohne Bewährung bekommen haben und dass die prüfen sollen, ob die Verfahren eingestellt werden können. Und dann stellen Sie noch einen Antrag bei der Staatsanwaltschaft, dass Sie die Haftstrafe nicht antreten müssen, weil Sie auf einen Therapieplatz warten. Damit dürfen Sie aber nicht schlampern, weil sonst die Grün-Weißen vor Ihrer Tür stehen und Sie holen. Haben Sie das verstanden?“ Tina nickt so gut es geht, bekommt von Richter Siecken noch einen Zettel, auf dem das Strafmaß und das Aktenzeichen stehen und darf gehen. „Gehen Sie aber nicht nur ein Mal ums Haus“, rät ihr der Richter, weil er weiß, was es direkt um die Ecke zu kaufen gibt: harte Drogen.

 

Copyright © 2001 Wolfgang Ferner
Stand: 14. April 2008