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Renate Rauch ist Mitarbeiterin der Berliner Zeitung.

Magazin BERLINER ZEITUNG
Autor : Renate Rauch
RUBRIK : VOR GERICHT

Vergeben und vergessen

Sie heißt Ines, ist gertenschlank und hat rote, kurze Haare. Ines ist 29 Jahre und Kindergärtnerin. Jeden Morgen geht sie weg, um sich um anderer Leute Kinder zu kümmern. Dafür bekommt sie 1 100 Euro auf die Hand. Zu Hause bleibt ihr Mann, der arbeitslose Elektriker, und kümmert sich um die eigenen beiden, acht und neun Jahre alt. Nazar, 39, geboren im Kosovo, ist ein Mann mit exaktem Haarschnitt und einem hohlwangigen, alten Gesicht von enormer Traurigkeit. Erschiene es auf einer Kinoleinwand, erfasste den Zuschauer die Ahnung von einem bevorstehenden Unheil, bei dem dieser Mann der Verlierer sein würde.

Aber das Leben besetzt seine Rollen nicht mit den passenden Physiognomien. Der traurige Nazar ist kein Opfer. Er hat seiner Ehefrau am Telefon gedroht, er wolle sie umbringen. So steht es in der Anklage. Die Drohung liegt lange zurück, mehr als drei Jahre. In der Zwischenzeit war Nazar weg, weg von Ines, weg von Deutschland. Warum er ging, erfährt man nicht. Vieles ist denkbar. Vielleicht wollte Ines nicht mehr mit ihm zusammenleben, vielleicht hatte sie einen anderen. Vielleicht war da noch mehr passiert zwischen den beiden vor der Drohung am Telefon.

Die Richterin kennt Nazars Strafregister, aber sie liest es nicht vor. Sie sagt etwas von typischer Konstellation häuslicher Gewalt. Ob Nazar sich äußern wolle zu dem, was damals passiert ist, fragt sie.

Ich hab nichts zu äußern, sagt Nazar.

Die Richterin ist nicht zufrieden. Soll das heißen, Sie haben Ihrer Frau nicht gedroht?

Ich hab nichts gemacht, sagt Nazar.

Nazar ist zurückgekommen. Er wohnt jetzt wieder bei Ines, sie leben wie die Täubchen. Sie verdient das Geld, er sitzt zu Hause. Die Vergangenheit - vergessen. Nur nicht bei Gericht. Bei der Heirat nahm Nazar Ines Nachnamen an, einen deutschen Namen, der nicht selten ist, sagen wir Schulze, obwohl das nicht ganz zutrifft. Und nun wird ein Zeuge hereingerufen, der zum Erstaunen der Richterin ebenfalls Schulze heißt. Geladen hatte sie ihn als einen anderen, sagen wir Müller. Wir sind jetzt verschwägert, sagt der zweite Herr Schulze mit Kopfnicken zum Angeklagten hin und mit Triumph in der Stimme. Ich hab die Schwester der Ehefrau geheiratet.

Sascha Schulze ist etwa doppelt so breit wie sein trauriger Schwager, jedoch kleiner. Er sei Bergmann, von unter Tage, sagt er, und es ist schwer vorstellbar, wie so einer in einen Schacht passt. Der füllt mit seinem Volumen schon einen Förderkorb allein.

Der Zeuge wird belehrt, als Verwandter könne er von seinem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch machen. Darauf hat Sascha Schulze nur gewartet, er tut es postwendend. Er wird entlassen und schreitet aus dem Raum wie ein Feldherr nach großer Tat. In der Pause, auf dem Gerichtskorridor, erzählt er der Familie grinsend davon: Auf Alzheimer konnte ich ja nicht machen mit meinen 37 Jahren.

Es ist etwas gewesen, von dem alle wissen. Jetzt stellen sie sich schützend vor Nazar. Aber vor drei Jahren hat jemand ihn angezeigt.

Die Mutter des Angeklagten, hager und unfroh wie der Sohn, wird belehrt wie Schulze: Sie dürfe verweigern, wenn sie aber redete, müsse sie die Wahrheit sagen. Sie dürfen nicht zu Gunsten Ihres Sohnes lügen, bekräftigt die Richterin. Da hält die Frau doch lieber gleich den Mund.

Ines wird in den Saal gerufen. Auch bei ihr, wie bei Nazar, stimmt das äußere Bild nicht mit dem Wesen überein. Ines ist zart und schmal und laut und cholerisch. Jawoll, sagt sie auf die Frage, ob sie Kindergärtnerin sei. In diesem Moment fällt es schwer sich vorzustellen, wie sie mit Kindern spricht.

Ich sage nichts, sagt sie, und wenn sich die Staatsanwältin auf n Kopp stellt, aber etwas muss ich doch noch sagen, die ganze Sache find ich übertrieben, eine Lappalie, die hier vor Gericht kommt. Sie regt sich auf, sie schnappt fast über. Sie will sich mit aller Macht Glauben verschaffen. Es glaubt ihr keiner, aber was will man tun? Mäßigen Sie sich, sagt die Richterin und spricht den Angeklagten frei. Die Bedrohung konnte nicht nachgewiesen werden.

Frauen wie Ines sieht sie immer wieder. Frauen, die grün und blau geschlagen wurden, Frauen, denen einer gesagt hatte, ich schlag dich tot. Und wenn die Angst noch so groß war, nachher ist es immer eine Lappalie gewesen. Nachher wird es immer verziehen. Aber manche Ehefrauen, sagt die Richterin, die liegen in ihrem Blut nachher.

Ines zuckt die Schultern und geht.

 


Der Mann, den der Teufel ritt

Am 7. Februar 2002 um 16.14 Uhr stahl Schwarz bei Rossmann ein Päckchen Rasierklingen im Wert von 11,99 Euro. Man könnte meinen, das sei eine Bagatelle, aber Schwarz besiegelte damit den Abwärtstrend in seinem Leben. Nicht einmal zwei Monate zuvor, am 18. Dezember 2001, hatte er im Saal 672 vor dem berühmten Amtsrichter Warnstädt gestanden, und der hatte ausgerufen: Herr Schwarz, ich sehe schwarz, Sie sind auf einem abschüssigen Weg.

An jenem Tag, als Schwarz zu sechs Monaten mit Bewährung verurteilt wurde, schien es noch fast so, als sei er bis dahin ein unbescholtener Bürger gewesen. Es gab keine Einträge im Strafregister, wenngleich der Richter Kunde hatte von einer Geldstrafe wegen Fälschens einer Monatskarte und von einem laufenden Verfahren wegen Falschaussage.

Auch bei Amtsrichter Warnstädt wurde ein Diebstahl verhandelt. Wer aber meint, das muss ja ein ziemlich großer Coup gewesen sein, dass Schwarz gleich Gefängnis dafür kriegte, wenn auch auf Bewährung, der irrt. Schwarz hatte eine Gaspistole dabei und sieben Patronen, das heißt dann Diebstahl mit Waffen, auch wenn Schwarz mit der Pistole gar nicht herumgefuchtelt hatte wie bei einem Banküberfall, auch wenn die Beute nicht Hunderttausende wert war, sondern nur 55,55 Mark: Vier Fototaschen, eingesteckt in Kaiser s Drugstore. Schwarz hatte sofort die Hände gehoben und sich ohne Widerstand von der Geschäftsführerin ins Büro bringen lassen. Die Pistole schlummerte im Rucksack, sie war aber geladen.

Für Diebstahl mit Waffen sieht das Gesetz bis zu zehn Jahre vor, und Schwarz konnte eigentlich froh sein, daß Richter Warnstädt ihn mit Bewährung davonziehen ließ. Nicht allerdings, ohne ihm zu sagen, er sähe schwarz für Schwarz Zukunft. Wenn während der Bewährungszeit wieder was passiert, was dann? hatte er gefragt.

Es wird nichts passieren, versprach Schwarz.

Weshalb haben Sie überhaupt eine Waffe? wollte der Richter dann doch noch wissen.

Weil Silvester ist, sagte Schwarz. Silvester knallt s.

Silvester, mahnte Warnstädt, ist kein Anlass zu schießen. Silvester ist ein Anlass, sich hinzusetzen und Bestandsaufnahme zu machen. Jetzt gehen Sie nach Hause und seien Sie ganz brav.

Das wollte Schwarz tun, doch ob die Bestandsaufnahme nun ergeben hatte, dass es sich nicht lohne, nach dem redlichen Leben zu streben oder ob Schwarz einfach mal wieder ohne Geld und Grips loszog, als es Not tat, sich zu rasieren - Anfang Februar waren jedenfalls alle guten Vorsätze vergessen.

Nun steht Schwarz wieder im Saal 672, hier wird das S. verhandelt, und Richter Warnstädt könnte sehen, dass er in Bezug auf Schwarz Zukunft zu Recht schwarz gesehen hatte. Aber Warnstädt ist in Rente gegangen, auf seinem Platz sitzt jetzt eine Richterin. Sie sieht in die Akte, schon ist die alte Geschichte auf dem Tisch: Ziemlich schnell rückfällig geworden. In der Bewährungszeit, Sie wissen, was das heißt?

Ich weiß nicht, was mich da geritten hat, sagt Schwarz.

Es muss wohl der Teufel gewesen sein. Irgendwer oder irgendwas, das bestimmt, wo es lang geht mit Schwarz. Der dumme Zufall, traurige Umstände, so war es immer.

Nehmen wir die Fotos. Seit vier Wochen waren die fertig, Schwarz hatte aber kein Geld, sie abzuholen. Einmal war er da gewesen, nur um sie zu betrachten. Als er dann noch einmal zu Kaiser s ging, war er gar nicht nicht gut drauf, die Freundin wollte sich trennen. Ihm blieben nur der Schmerz und die Bilder. Wie von selber senkte die Hand sich in den Rucksack.

Die Pistole darin war auch nicht geplant. Schwarz wollte sie einem Freund verkaufen, er brauchte Geld. Doch der Freund brauchte die Waffe nicht. Schwarz hatte sich aber geistig von ihrer Existenz verabschiedet, so vergaß er total, dass er sie im Rucksack herumtrug.

Ganz eigenartig verhielt es sich mit der gefälschten Monatskarte. Eigentlich habe Schwarz sich mit einem Kumpel nur aus Spaß gefragt, ob die Kontrolleure eine Fälschung bemerken würden. Und dann, sagt er verblüfft, ist es wirklich dazu gekommen.

Schwarz ist ein Fremder in seiner Haut, etwas außerhalb seines Willens übernimmt die Regie. Was Sie da geritten hat, weiß ich auch nicht, sagt die Richterin nun auch. Der Tatwert der geklauten Rasierklingen ist sehr gering. Der Angeklagte ist geständig. Soll man ihn da ins Gefängnis stecken?

Also Geld ist besser als Haft, sagt auch Schwarz. Dass nichts mehr passieren wird, verspricht er diesmal vorsichtshalber nicht. 


Der Türke und die Bettlerin

Die Frau trägt Sandalen an den Füßen und helle, verwaschene Socken, und draußen ist Frost. Ihre dünnen Haare haben lange keinen Friseur mehr gesehen. Am Unterarm baumelt, wie eine Handtasche, eine schwarze Sporttasche mit weißen Paspeln, die hohl in sich zusammenfällt. Ihren dunkelblauen Parka lässt die Frau auch im Warmen an, der lange graue Schal bleibt fest um den Hals gewickelt.

Sie wartet vor Saal 371 auf ihren Prozess. Mit ihr wartet ein junger Mann und stellt Fragen. Die Frau antwortet tonlos, die Stimme leiert wie eine alte Platte. Ich sag immer, sagt sie, ich weiß nicht, wo meine Eltern sind. Ich bin ja bei der Oma aufgewachsen.

Die Frau redet, als ob es noch nicht lange her ist. Sie sieht aus wie sechzig. Ich hab vier Geschwister, sagt sie, die sind alle jünger. Wo die sind, weiß ich nicht. Wann haben Sie das letzte Mal den Verband gewechselt, fragt der junge Mann. Vor zwei Wochen, sagt die Frau. Ich geh gleich hin in die Turmstraße, ist ja nicht weit. Wenn ich hier rauskomme .

Das wollen wir hoffen, sagt der junge Mann.

Ja, sagt die Frau, war ja nur ne Bagatelle.

Lydia K., 45 Jahre alt, hat den öffentlichen Frieden gestört. Sie hat Teile der Bevölkerung beschimpft, heißt es in der Anklage.

Die Teile der Bevölkerung stellen sich als ein türkischer Imbissverkäufer heraus. Die hat ja immer so viele Tüten, sagt der. Die kommt rein, will Kaffee, und ich hör immer Beleidigungen.

Der Türke mochte die Frau nicht in dem Imbiss am U-Bahnhof Ruhleben. Sie vergraulte die Leute, sie verschandelte den Laden. Sie bedrohte seine Existenz.

Er bediente sie nicht. Sie beschimpfte ihn. Es war ein Ritual. Sie verletzten sich gegenseitig.

Meist war Lydia K. betrunken. Manchmal hatte sie kein Geld. Sie war obdachlos, seit fast zwanzig Jahren. Tingelte von Pension zu Pension, ein Dauerzustand der Demütigung. Das Leben hatte keine Verwendung für sie. Sie ging mit ihren Tüten in den Imbiss und forderte Kaffee, Beachtung, Solidarität. Solidarität der Außenseiter, Bettlerin und Türke.

Der Türke ist ein ordentlicher Bürger, er zahlt Steuern, er hat eine Wohnung und eine Frau. Zu der sagte er, ich kann das nicht verkraften. Ich war mit den Nerven fertig, sagt er.

Er wies die Bettlerin ab. Ich soll rausgehen, die verkaufen mir nix, hat er gesagt. Da bin ich bisschen ausfallend geworden, sagt sie dem Richter. Ich hab die als Ausländer beschimpft. Ich bin als Deutsche beleidigt worden.

Was heißt denn als Deutsche? fragt der Richter.

Man kann doch nicht einfach zum Kunden sagen: Sie werden nicht bedient. Ich fand das erniedrigend.

Wütend und besoffen erniedrigte die Bettlerin den Türken ebenfalls, niedriger war er, als sie selber es war: Ausländer, Scheißkanaken, Sau, Adolf Hitler würde euch vergasen .

Der Staatsanwalt sieht die Angeklagte der Volksverhetzung überführt.

Die Angeklagte sagt, an und für sich habe sie nichts gegen Ausländer. Und sie hätte ja nicht wissen können, dass der Türke die Polizei rufe. Der Krieg ging doch schon so lange. Ich entschuldige mich damit, dass ich zu viel Alkohol getrunken hab, sagt sie. Wenn ich getrunken hab, bin ich bisschen anders.

Der Staatsanwalt besteht auf Härte. Lydia K. sei immer wieder schwarzgefahren, die Strafen hätten sie nicht beeindruckt. Er fordert Gefängnis, zwar mit Bewährung, jedoch soll sie wissen, dass über ihr das Schwert der Freiheitsstrafe schwebt!

Sie würde ihre Wohnung verlieren, sagt der junge Mann, Frau Lydias Betreuer. Das Sozialamt zahlt nicht für eine leere Wohnung. Der Betreuer hat ihr die Wohnung besorgt. Seit meiner Bestallung, sagt er, ist nichts mehr passiert.

Der Richter weiß, dass Frau K. sich so so durchs Leben laviert, immer hart an der Kante. Aber man kann es nicht durchgehen lassen, sagt er. Er verurteilt Frau K. wegen Volksverhetzung und Erschleichen von Leistungen zu sechs Monaten Gefängnis, mit Bewährung.

Frau Lydias Körper fängt lautlos zu zucken an, sie will das Schluchzen unterdrücken, aber es macht sich in kleinen Glucksern frei. Das Zucken wird immer stärker. Die Frau vergräbt das Gesicht in ihren roten Händen.

Der Betreuer ist von seinem Platz aufgesprungen, er kniet jetzt vor der Frau. Sie müssen nicht ins Gefängnis, sagt er. Nicht ins Gefängnis, nicht ins Gefängnis! Zur Bewährung heißt, nicht ins Gefängnis!

Schlagartig hört Frau Lydia auf zu weinen. Ich werde da nicht mehr reingehen in diesen Laden, sagt sie.


Wer Scheiß baut.

 Ich persönlich wollte von ihr nichts. Ich bin schwul. Ich wollte nur, dass mein Freund das Mädel kriegt. Also Sie wollten das Mädel verkuppeln, und wo bleibt die Bedrohung? Da sagt einer zu Ihnen, Sie kriegen eins auf die Fresse, und Sie ziehen gleich den Revolver?

Der Hergang der Geschichte ist schwer zu rekonstruieren. Er verschwimmt im Dunstnebel eine tiefen Kneipennacht. Plötzlich rief der traurige Held: Alles bleibt sitzen, sonst passiert hier was. Und fuchtelte mit der Pistole.

Der Held erinnert sich nicht gut - der Alkohol. Ich wiege bloß 48 Kilo. Bin zwar nur Biertrinker, aber n Schnäpperken ist zwischengeraten, das ist mein Untergang!

Ein Leichtgewicht und ein schwerer Fall.

Der schwule Mann mit der vernebelten Erinnerung war mit einem Freund im Café Zeitlos. Er selber nähert sich dem Rentenalter, aber der Freund ist jünger, Der Schwule wollte, dass der Freund das Mädel kriegt. Obwohl nicht klar ist, ob der Freund das Mädel wollte. Und das Mädel den Freund. Der Held mit der schwachen Erinnerung weiß noch, er hat mit dem Mädel gesprochen. Eine Frau kam dazu und wollte die Sache irgendwie verhindern, das Gespräch, das Verkuppeln und überhaupt. Das Gespräch wurde immer härter, sagt der Held, und dann hab ich mich zurückgezogen.

Besonders erhellend ist das nicht. Die nächste Etappe verschwindet im Dunkeln.

Als er zurückkam, postierte sich der Held in der Mitte der Kneipe, drohte mit der Pistole und rief: Alles bleibt sitzen, sonst passiert was!

Es blieb auch alles sitzen, Herr Vorsitzender, nur mein Freund kam langsam auf mich zu: Manni, pass auf, da ist ein Mädel, die will dir mit der Flasche auf n Kopp hauen.

Und dann war schon die Polizei da, sagt Manni. Ach nee, fällt ihm ein, vorher kam ein Mädel auf mir drauf zu und zieht mir ne Flasche übern Kopf.

Hätt ich auch gemacht, sagt der Richter trocken, wenn Sie wie John Wayne mit der Pistole fuchteln. Eine Zeugin soll zusammengebrochen sein .

Das is ja gar nicht wahr, Herr Vorsitzender, ich bin blutüberströmt jewesen.

Der traurige Held neigt zum Pathos. So wie sein knallrotes Kapuzenshirt, das über die Lederjacke quillt.

Und da bitte ich drum, dass die Zeugin geladen wird, sagt Manni.

Die ist ja da, sagt der Richter.

Auch Frau Elke hatte getrunken, es ging ihr nicht gut, sie hatte sich von ihrem Mann getrennt. Sie saß mit einem anderen am Tisch, redete und trank. Eine junge Frau beschäftigte sich mit dem Spielautomaten. Jene, die der Held mit dem Freund verkuppeln wollte. Frau Elke sah die Annäherung anders - als Belästigung. Die junge Frau war ihre Freundin. Er solle sie in Ruhe lassen, habe sie zu Manne gesagt. Dann erinnert sie sich nur noch an die Pistole an ihrem Kopf. Nach dem nächsten Blackout stand sie mit Polizisten vor der Kneipe, bat um eine Zigarette, ging rein, trank ein Bier und wurde ins Krankenhaus gefahren.

Frau Sabrina hinterm Tresen sah Manni unruhig wie einen Tiger. Er lief hin und her, er schimpfte, auch Schwule hätten Rechte. Er hat die Leute belästigt, sagt sie. Ein Herr sagt, er soll das lassen. Er geht raus, kommt wieder rein, ruft: Ihr werdet schon sehen, was ihr davon habt! Raus, rein, Hände auf dem Rücken, dann zieht er die Pistole. Erst zielt er auf Sabrina, dann hält er Elke die Waffe an die Stirn. Da, sagt Sabrina, bin ich losgegangen und hab ihm die Flasche übern Kopf gehauen. Er hat nichts gesagt, da kam nichts mehr.

Der Revolverheld jammert: Herr Vorsitzender, ich weeß nich, wie das passieren konnte, ich krieg das nich mehr ganz zusammen. Herr Vorsitzender, ich möchte das nicht abstreiten. Aber ich bitte Sie, ich hab die Pistole nicht an den Kopf gehalten. Nicht direkt.

Also gut, nicht direkt. Kein Hautkontakt. Aber fast.

Herr Vorsitzender, ich wollte nicht schießen. Ich möchte betonen, es tut mir Leid.

Zu spät, Sie haben sich nicht mal entschuldigt!

Herr Vorsitzender, ich hab mir schon jeändert, ich geh nicht mehr in Lokale rein.

Das kann er jetzt sowieso nicht, er muss woanders rein, der Vorsitzende gibt ihm ein halbes Jahr.

Die Allgemeinheit, sagt der Vorsitzende, hat ein Recht, vor Menschen wie Ihnen geschützt zu werden. Wer abends in eine Kneipe geht, um ein Bier zu trinken, kann nicht damit rechnen, dass ihm die Knarre an den Kopf gehalten wird. Das ist ja das Allerletzte! Bewährung? Nein! Wer Scheiß baut, soll für Scheiß einstehen! 


Nichts als Langeweile

 

Die Welt ist krank, schrieb einer letzte Woche angesichts der Hilflosigkeit der Welt gegenüber den Nachrichten von Mord und sexueller Gewalt. Zu dieser kranken Welt gehört, dass sie Bilder auf die Datenbahnen schickt, auf denen Kinder sexuell missbraucht werden. Man kann nicht sagen, es seien Darstellungen jeder erdenklichen Art, weil es die unvorstellbarsten Bilder der Vergewaltigung des kindlichen Körpers und der kindlichen Psyche sind. Und jeder in jedem Winkel dieser Welt kann sich an dieser Vergewaltigung beteiligen, indem er die Bilder betrachtet und sie sich zu seiner Verfügung nimmt. Fast 3 000 solche kinderpornografischen Bilddateien hatte S., der Sohn eines Computerhändlers, auf seiner Festplatte gespeichert und zum Tausch angeboten, als das BKA zugriff. Die Anklage lautet: wegen Besitz und Verbreitung. Der Richter wird später sagen: Als ich die Akte studiert habe, ist mir die Galle hochgekommen. Doch erst einmal fragt er sachlich:

Wie gerät man an die Dateien?

Aus Langeweile, sagt S. Bin über das Internet draufgestoßen, es hat mich interessiert.

Wie stößt man darauf?

Man kommt schon bei relativ harmlosen Suchbegriffen auf solche Sachen. Über das Chat-System wird man dann angesprochen.

Was hatten Sie mit den Bildern vor?

Angucken.

Was haben Sie dabei gedacht?

Leider zu wenig. Es war reine Neugier.

Dann kommen Sie mal vor.

Der Angeklagte, sein Verteidiger und der Staatsanwalt gehen zum Richtertisch und betrachten stumm Bilder, die sich S. aus dem Netz geladen hatte. S. will weg, will sich wieder setzen. Bleiben Sie stehen, sagt der Richter, da sind weitere Bilder .

Waren Sie hauptsächlich an Kinderpornos interessiert? fragt der Staatsanwalt.

Ja, sagt S.

Sind Sie pädophil?

Ja, ich würde es aber nie ausleben.

Leiden Sie darunter? Haben Sie einen Freund oder eine Freundin? Wie ist denn Ihre Sexualität sonst?

Ich hatte eine Freundin, sagt S.

Es sieht aber nicht so aus, als ob man ihm glauben sollte. S. ist ein dicklicher junger Mann mit weichem, konturlosem Gesicht und krankhaft weißer Haut, der mit seinen 29 Jahren noch bei den Eltern wohnt. So einer, der in der Schule von Sportlehrern gerne als schlapper Sack bezeichnet wird. Der frustriert zusieht, wenn die anderen Jungs die Mädchen unverhohlen küssen und befummeln. Einer, den die Mädchen auslachen und links liegen lassen. Einer, der vielleicht immer nur Träume hatte. Einer mit gestörter Sexualität.

Es geht ja darum, sagt der Staatsanwalt, ob Sie vielleicht eine Therapie machen sollten .

Ich kann ganz gut ohne, sagt S. Ich brauche es nicht.

Aber es besteht die Gefahr, dass Sie sich wirklich ein Kind nehmen .

Ich kann es mir nicht vorstellen.

Eine vage, sehr vage Antwort. Kein entschiedenes Nein, nicht einmal hier, angesichts der zu erwartenden Verurteilung. Weil S. es sich sehr gut vorstellen kann. In seiner Fantasie tut er es jedes Mal, wenn er den Computer anschaltet und die Bilder aufruft, keinen anderen Sinn macht das Ansehen solcher Bilder. Die Anklage hat ein paar davon beschrieben: ein Mädchen, in dessen Scheide ein Erwachsener einen Gegenstand einführt, ein Erwachsener, der einem Kind ins Gesicht ejakuliert. Es ist unmöglich, solche Bilder anzusehen und nichts zu empfinden als Langeweile.

S. kann nicht zugeben, was sich in seinem Kopf abspielt. S. will nicht denken, er könnte eine Gefahr sein. Das Gericht kann ihn nicht verurteilen für etwas, das lediglich möglich wäre. Der Besitz von Kinderpornos wird vom Gesetzgeber geahndet wie Fahren ohne Führerschein. Es ist die Frage, sagt der Richter, ob der Gesetzgeber schon wusste, welche Ausmaße das einmal annehmen wird.

Von der rasanten Verbreitung derartiger Bilddateien spricht der Staatsanwalt, die Hemmschwelle, sie zu nutzen, wird immer geringer. Immer mehr und immer schärferes Material wird verlangt. Immer mehr Kinder werden sexuell missbraucht.

Der Richter verurteilt S. zu einem Jahr und vier Monaten Gefängnis, mit einer Bewährungszeit von vier Jahren. Solange ich hier Richter im Amtsgericht bin, sagt er, werden Sie keine weitere Bewährung kriegen, wenn noch einmal etwas passiert.

Die Dateien sind eingezogen. Psychologischen Beistand lehnt S. ab. Was wird er tun?

 

Copyright © 2001 Wolfgang Ferner
Stand: 14. April 2008