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HR 4, Osthessenjournal, 16.08.2001, 16.05 Uhr
Prozeß gegen jugendliche Erpresser
(Studiogespräch mit Petra Klostermann) Daß ältere Schüler jüngere erpressen, gehört
leider fast zum Schulalltag, auch in Osthessen. Aber was sich einige Jugendliche
in Bad Hersfeld leisteten, schlägt dem Faß den Boden aus. Ein ganzes Jahr lang
nahmen sie den 16jährigen Sohn eines sehr wohlhabenden Textilfabrikanten aus
Bad Hersfeld aus. 108.000 Mark sollen sie erbeutet haben. Das jedenfalls wirft
der Staatsanwalt acht Jugendlichen und einem Heranwachsenden im Alter zwischen
17 und 21 Jahren vor. Heute müssen sie sich vor dem Landgericht Fulda für die
176 Einzeltaten verantworten. Petra Klostermann, Sie haben den Prozeßauftakt
miterlebt. Wie sind die Angeklagten denn an so viel Geld gekommen? Laut Anklage paßten die Täter
den Jungen auf dem Schulweg ab, lauerten ihm in der Stadt auf oder bedrohten ihn
am Telefon. Alle zwei bis drei Tage war er mehrere hundert Mark los. Sie müssen
den Jungen massiv eingeschüchtert haben. Und zwar handelten die acht nie als
Bande, sondern einzeln. Kurz vor dem Lullusfest im Herbst 1998 begann das
Martyrium für das Opfer. Ein 19jähriger Syrer soll ihm Schläge angedroht
haben, falls er nicht zahle. Am nächsten Tag hatte der Erpresser das
Geld. Drei Tage später erpreßten ihn zwei andere um 500 Mark. Und weil das so
gut klappte, gaben die Täter den Tip an ihre Freunde weiter. So der Vorwurf des
Staatsanwalts. Und die Summen erhöhten sich. Einer der Angeklagten soll dem
Opfer auf der Straße die Hand gegeben und gesagt haben: „Ich habe gehört, du
hast Geld. Also gib mir was, sonst schlage ich Dich.“- und schon wechselten
wieder tausend Mark den Besitzer. Woher hatte der Junge denn bloß so viel Geld? Das fand er zu Hause bei
seinen Eltern. Die Familie ist ja sehr wohlhabend und hatte wegen ihres
gehobenen Lebensstandards offenbar immer viel Bargeld im Haus. Und die Eltern haben nichts gemerkt? Offenbar nicht. Sonst hätten
sie ihren Sohn sicher zur Rede gestellt. Gibt es Vermutungen zum Motiv der Täter? Vor Gericht wurde darüber
noch nicht gesprochen, aber mindestens fünf der Angeklagten sind drogenabhängig.
Zwei spritzen sogar Heroin. Vielleicht wollten sie mit dem erpreßten Geld ihre
Sucht finanzieren. Warum denn das? Spricht das nicht gegen die Menschenwürde? Diesmal war es aber nötig.
Bei einem früheren Prozeß vor dem Landgericht Fulda ist der schmächtige Junge
nämlich einmal aus dem Fenster gesprungen und bis zur Wiesenmühle gelaufen.
Jetzt sitzt er hinter Gittern, drei Jahre und sieben Monate wegen Erpressung, Körperverletzung
und Diebstahls. Und die anderen sind auch alle schon vorbestraft? Ja, und die Liste ist lang:
Schwere räuberische Erpressung, Menschenraub, gefährliche Körperverletzung,
Drogenhandel, Diebstahl.... Ein 20jähriger Türke sitzt dafür gerade
anderthalb Jahre im Gefängnis ab. Ein gleichaltriger Engländer kriegte zuletzt
ein Jahr und zehn Monate auf Bewährung. Ein 19jähriger Syrer, ein 18jähriger
aus Kasachstan und der jüngste Angeklagte, ein 17jähriger Afghane, haben
bereits Jugendarrest hinter sich. Der in Kasachstan geborene und ein
gleichaltriger Mazedonier sind außerdem wegen eines Raubüberfalls auf eine
Gaststätte in Bad Hersfeld angeklagt. Das sind ja ganz schön abgebrühte Früchtchen. Warum ist der erpreßte
Junge denn nicht zur Polizei gegangen oder hat zumindest den Eltern davon erzählt? Diese Fragen stehen noch im Raum,
besonders, weil das Opfer einmal sogar gewürgt worden sein soll. Der
Staatsanwalt äußerte eine Vermutung, die ebenfalls hinterfragt werden muß.
Und zwar sagte er, vielleicht wollte der Junge sich mit dem Geld auch
Freundschaften erkaufen. Der Staatsanwalt sprach von einer möglichen Grauzone,
daß das freiwillige Geben irgendwann umschlug in Erpressung. Was sagen denn die Angeklagten zu den Vorwürfen? Bisher noch nichts, denn
heute wurden nach Verlesung der Anklage erstmal die Personalien, die
finanziellen Verhältnisse und die zahlreichen Vorstrafen der Jugendlichen geklärt.
Zu den Taten sollen sich die Angeklagten erst am Montag äußern. Denn das
Gericht will die Aussagen im Gesamtzusammenhang hören. Wie lange soll der Prozeß dauern? Es sind noch vier weitere
Verhandlungstage angesetzt. Das Urteil kommt frühestens in zwei Wochen. ----------------------------------------------------------------------------------------------------------------- HR 4, Osthessenjournal, 27.08.2001,
16.05 Uhr Prozeß gegen jugendliche Erpresser
(Studiogespräch mit Petra
Klostermann) Acht Jugendliche aus Bad Hersfeld sitzen seit einigen
Tagen auf der Anklagebank vor dem Landgericht Fulda. Sie sollen den Sohn eines
sehr bekannten und wohlhabenden Bad Hersfelder Textilfabrikanten erpreßt haben.
Mehr als 107.000 Mark im Zeitraum von einem Jahr sollen die jugendlichen
Erpresser dem Jungen unter Drohungen abgenommen haben, der zur Tatzeit 14 Jahre
alt war. Am zweiten Verhandlungstag hatte der Prozeß eine Wende genommen.
Zweifel waren aufgekommen an der Glaubwürdigkeit des Opfers. Möglicherweise
hat der Junge seinen flüchtigen Bekannten aus der Schule das Geld auch
freiwillig gegeben. Andererseits ist der Großteil der Angeklagten drogenabhängig.
Darin könnte deren Motiv liegen. Außerdem sind sie bei der Polizei bekannt als
Schlägertypen und Erpresser. Hat die Prozeßfortsetzung heute denn mehr
Klarheit in diese Vermutungen gebracht? Bislang noch nicht. Aber eine
Verteidigerin hat gleich heute früh einen Beweisantrag gestellt. Sie
verlangt ein psyhologisches Glaubwürdigkeitsgutachten. Das soll dann
zeigen, ob der Fabrikantensohn wirklich das Opfer von Erpressern ist, oder ob er
sich die Straftat nur ausgedacht hat. Denkbar wäre aber auch, daß sich die anfängliche
Spendierfreude eine Eigendynamik entwickelt hat und in Erpressung umgeschlagen
ist. Was ist der Sohn denn für
ein Mensch? Ein Kriminalbeamter hat den
17jährigen Sohn heute als einen eher ruhigen Vertreter beschrieben. Er sei sehr
zurückhaltend, unsicher, bei seiner eigenen Vernehmung habe er sehr leise
gesprochen. Außerdem sagte der Polizist, seinem Eindruck nach sei der Junge
durchaus steuerbar. Er könne es zwar nicht genau erklären, aber seinem
Gefühl nach habe der 17jährige eine typische Opferhaltung draufgehabt.
Deshalb hält der Kripobeamte die Angaben des Jungen für gut nachvollziehbar.
Übrigens ist der Fabrikantensohn selber auch drogenabhängig. Sie hatten ja schon berichtet, daß der Sohn das benötigte Geld einfach
zu Hause fand. Aber das waren doch auch hohe Summen. Wieso haben die Eltern denn
nichts davon gemerkt? Regelmäßig jeden Monat hat der
Vater rund 25.000 Mark von der Bank abgehoben, manchmal auch 50.000 Mark,
und das lag dann für alle Familienmitglieder greifbar da. Wenn die Ehefrau mal
eine teure Blumenvase für 2.000 Mark kaufte, darüber wurde gar nicht
erst gesprochen. Daß immer wieder Beträge fehlten, hat der Vater wohl schon
gemerkt, aber das schob er offenbar immer auf seine Frau. Man muß das hochrechnen.
Wenn bei mir mal zwanzig Mark im Portemonnaie fehlen, dann merke ich das auch
nicht unbedingt. Und bei denen fehlte dann eben mal ein Tausender. Und wie ist die Sache dann
doch noch aufgeflogen? Seltsamerweise mußte erst
die Kripo auf den Fabrikanten zugehen. In Bad Hersfeld kursierten nämlich Gerüchte,
von denen auch die Polizei Wind bekommen hatte. Die Aussage eines nicht
angeklagten Jugendlichen bekräftigte den Verdacht. Der Spitzname des Opfers
„Schnecke“wurden genannt, von 200.000 Mark war die Rede und vom Spätsommer
1999. Deshalb rief ein Kriminalbeamter bei der Familie an und war sehr überrascht,
daß der Vater bereits alles wußte. Warum hat der Vater nicht schon viel früher Anzeige erstattet? Der Kripobeamte vermutete,
vielleicht wollte der Vater nicht, daß der Fall in Bad Hersfeld ans Licht
kommt. Schließlich ist er ein gut angesehener Geschäftsmann in Bad Hersfeld
und betreibt eine renommierte Firma. Ob der Vater aber zu dem Zeitpunkt wußte,
wieviel Geld ihm wirklich fehlte, das blieb unklar. Und was ist nun mit dem 18jährigen Mazedonier, der zum zweiten
Verhandlungstag vor einer Woche gar nicht mehr erschienen war? Da gab es heute eine Überraschung.
Mitten in der Zeugenvernehmung brachte ein Wachtmeister den Paß des
Mazedoniers in den Gerichtssaal. Die Polizei hatte den Jungen
festgenommen, nachdem er nach Holland geflohen war. Das Verfahren gegen
den Mazedonier ist abgetrennt worden, d.h. er wird noch einmal in einem extra
Prozeß angeklagt. Aber er ist ein wertvoller Zeuge und soll gleich heute
nachmittag aussagen. Allerdings ist er stark heroinabhängig und meldete
gesundheitliche Probleme an. So wie er aussah, hatte er starke Entzugserscheinungen.
Jetzt muß ihn erst ein Arzt auf Verhandlungsfähigkeit untersuchen. Ursprünglich sollte der
Prozeß ja bereits morgen zu Ende gehen. Wenn das Gericht aber tatsächlich noch
ein Glaubwürdigkeitsgutachten einholen will,
wieviel Zeit muß man dafür einrechnen? In einer Verhandlungspause
habe ich das den psychiatrischen Gutachter gefragt. Er sagte, man braucht
mindestens zwei bis drei Wochen, weil derjenige mehrer Tests im Abstand
von mehreren Tagen durchlaufen muß. Nur so könne der Psychiater feststellen,
ob der Geteste an unterschiedlichen Tagen widersprüchliche Aussagen macht. Und
dann müsse noch getestet werden, ob das Absicht oder eine veränderte
Wahrnehmung ist. Es kann ja auch sein, daß jemand die Wirklichkeit ganz unbewußt
verdrängt. Vielen Dank für die Information, Petra Klostermann. Wir werden auf jeden
Fall dran bleiben und über den Ausgang des Prozesses berichten. HR 4, Osthessen am Mittag,
22.10.2001, 12.05 Uhr Jugendliche Erpresser aus Bad
Hersfeld Petra Klostermann Fulda. Nach fast zweimonatiger Unterbrechung hat das Landgericht
Fulda heute den Prozeß gegen sieben Jugendliche aus Bad Hersfeld fortgesetzt.
Sie sollen einen 16jährigen Fabrikantensohn um rund 107.000 Mark erpreßt
haben. Petra Klostermann berichtet: Jugendliche Erpresser aus Bad Hersfeld (Petra Klostermann)
Laut
Staatsanwalt haben die Jugendlichen ihrem Bekannten immer wieder in der Stadt
und auf dem Schulweg aufgelauert und ihm unter Drohungen das Geld abgenommen,
jedesmal mehrere hundert Mark. Das Geld nahm der Junge aus dem Haushalt seiner
Eltern, die den Verlust nicht bemerkten. Heute sagten vor Gericht einige
engere Freunde und Freundinnen des Opfers aus. Doch auch deren Schilderungen
brachten noch keine Klarheit darüber, ob der wohlhabende Sohn des
Textilfabrikanten anfangs die Spendierhosen anhatte und das Geld freiwillig
herausrückte, oder ob er tatsächlich zum Erpressungsopfer wurde. Eine
Verteidigerin hatte deshalb ein psychiatrisches Gutachten eingefordert. Dessen
Ergebnis soll am Montag vorgetragen werden. Dann sollen der 16jährige und
sein Vater nochmals vor Gericht aussagen. Die Angeklagten sind alle mehrfach
vorbestraft. Das Ende des Prozesses ist Anfang November in Sicht. Das
Verfahren gegen einen ebenfalls angeklagten 18jährigen Mazedonier ist
abgetrennt worden, nachdem dieser sich kurzzeitig nach Holland abgesetzt
hatte. HR 4, Osthessenjournal, 22.10.2001,
16.05 Uhr Jugendliche Erpresser aus Bad
Hersfeld Petra Klostermann Seit
Mitte August sind sieben Jugendliche aus Bad Hersfeld vor dem Landgericht Fulda
angeklagt. Sie sollen den 16jährigen Sohn eines wohlhabenden Textilfabrikanten
ein Jahr lang erpreßt haben, insgesamt um mehr als 100.000 Mark. Nach einer
mehrwöchigen Urlaubspause nahm das Landgericht die Verhandlungen gegen die
Jugendlichen heute wieder auf. 176 Einzeltaten legt der Staatsanwalt ihnen zur
Last. Petra Klostermann, Sie haben bereits in unserer Mittagssendung über den
Prozeßfortgang berichtet. Jetzt können Sie konkreter sagen, wie die engeren
Freunden und Freundinnen zu den Ereignissen in Bad Hersfeld stehen. Einige von
ihnen wurden heute als Zeugen vernommen und haben doch bestimmt was mitgekriegt
von den Erpressungen, oder? Erstaunlicherweise offenbar nicht so viel. Eine 18jährige
Schülerin kennt das Opfer seit drei Jahren. Innerhalb der Tatzeit war sie einen
Monat lang mit dem Opfer liiert. Zwar berichtete er ihr, daß er von seinem
Vater Geld gestohlen habe. Aber er sagte ihr nicht, wozu. Das Mädchen sollte es
niemandem weitersagen, weil es ihm peinlich war, die eigenen Eltern zu
bestehlen. Von Erpressung habe er nicht gesprochen. Auch ein 23jähriger Bäcker, der sich gerade mit dem
Fabrikantensohn angefreundet hatte, will nichts von den Erpressungen gemerkt
haben. Der Staatsanwalt hielt ihm heute vor, zwei Jungen hätten bei dem Zeugen
geklingelt und gesagt: Wenn „Schnecki“ bei dir ist, dann schick ihn runter.
Schnecki? Das ist der Spitzname des
Fabrikantensohns. Daraufhin sei er durch den Keller geflohen. Doch daran
erinnerte sich der Zeuge heute nicht. Wie schätzt der Staatsanwalt die Sache ein? Ist er
von der Schuld der Angeklagten überzeugt, oder sucht er die Wahrheit zwischen
den konträren Beschreibungen? Das ist ja immer die Aufgabe
des Gerichts, anhand der Zeugenaussagen ans Licht der Wahrheit zu kommen. Natürlich
ist der Staatsanwalt zunächst von der Schuld der Angeklagten überzeugt, sonst
hätte er sie nicht anklagen können. Doch die Zeugen können eine Anklage zum
Wanken bringen. Ein Beispiel? Im Verlauf des Prozesses
wurde immer wieder deutlich, daß das vermeintliche Opfer offenbar sehr
freigebig mit seinem Geld umging. Zumindest die Angeklagten berichteten davon,
daß „Schnecki“ ihnen hier und da was spendiert habe. Einem Mädchen habe er
sogar den Führerschein bezahlt. Heute wurde die 20jährige als Zeugin
vernommen, doch sie blieb dabei, daß sie den Führerschein aus eigener Tasche
finanziert habe. Auch ihre Schwester, die mit „Schnecki“ befreundet war,
habe nie besondere Zuwendungen erhalten. Da tut sich doch ein Gegensatz auf. Gegenüber den flüchtigen Bekannten
hat der Junge die Spendierhosen an, aber die engen Freunde kriegen nichts. Was für
ein Bild haben Sie vom Verhältnis der jungen Leute untereinander? Das naheliegendste ist: eine
Seite lügt. Aber welche? Vielleicht liegt die Wahrheit tatsächlich in der
Mitte. Der Staatsanwalt hat einmal zu Beginn des Prozesses eine interessante
These geäußert. Er vermutet, vielleicht habe das Opfer sich mit den
zahlreichen Einladungen Freundschaften erkaufen wollen und vielleicht habe die
anfänglich freiwillige eine ungewollte Eigendynamik entwickelt. Wann ist denn ein Ende des Prozesses in Sicht? Voraussichtlich Anfang November. Am Freitag wird die
Verhandlung mit weiteren Zeugen fortgesetzt, am Montag sollen noch einmal Vater
und Sohn aussagen. Auch der psychiatrische Gutachter muß noch gehört werden.
Übrigens war ursprünglich ja noch ein 18jähriger Mazedonier angeklagt, der
sich kurzzeitig nach Holland abgesetzt hatte. Inzwischen hat die Polizei ihn
gefaßt. Ihm wird ein extra Prozeß gemacht. HR 4, Osthessenjournal, 29.10.2001,
16.05 Uhr Jugendliche Erpresser aus Bad
Hersfeld Petra Klostermann (Studiogespräch) Sieben
Jugendliche aus Bad Hersfeld sollen ein Jahr lang einen Millionärssohn aus Bad
Hersfeld um mehr als 100.000 Mark erpreßt haben. Seit dem Spätsommer müssen
sie sich deshalb vor dem Landgericht Fulda verantworten. Doch je mehr Zeugen zu
der Sache aussagen, desto verstrickter wird die Angelegenheit. Was zu Beginn wie
ein massives Verbrechen aussah, verliert immer mehr an Substanz. Die Anklage
beginnt zu bröckeln. Der Grund: viele Zeugen werfen ein anderes Licht auf das
vermeintliche Opfer. Die Frage ist: Wurde er vielleicht gar nicht erpreßt,
sondern hat das Geld ganz freiwillig weggegeben? Um das herauszufinden, hat der
17jährige heute noch einmal vor Gericht ausgesagt. Petra Klostermann, Sie haben
die Antworten gehört, konnten sie Klarheit bringen? Nein, denn er verstrickte sich in massive Widersprüche. Statt
erleichtert zu sein, wenn die vermeintlichen Erpresser einmal kein Geld
verlangten, telefonierte der Junge ihnen offenbar noch hinterher, um den Ort der
Geldübergabe herauszufinden. Beim Amtsgericht Bad Hersfeld hatte er noch
behauptet, man habe sich nur zum Kiffen verabredet. Vor dem Landgericht Fulda
erklärte der 17jährige heute auch, er habe seinem Vater mehr Geld entwendet
als die Erpresser verlangt hätten, sozusagen als Sparstrumpf für unerwartete
zusätzlich auftretende Erpressungen. Und
was ist mit dem äußerst spendablen Verhalten des Jungen? Hat er seinen
Freunden wirklich dauernd was ausgegeben? Das hatten ja mehrere Zeugen übereinstimmend berichtet. Er hatte das
anfangs bestritten, aber heute räumte er es zumindest teilweise ein. Daraufhin
nahmen die Anwälte der Verteidigung den Fabrikantensohn richtig in die Mangel.
Ob er einem Freund in Kassel mal tausend Mark zum Geburtstag geschenkt habe,
fragten sie. Dieser Freund habe auch berichtet, die anderen hätten auch alle
von dem Geld bekommen, das er regelmäßig seinem Vater wegnähme. „Das stimmt
nicht!“, kommentierte der Sohn das heute vor Gericht: „der hat
gelogen!“und auch all die anderen Zeugen hätten gelogen, die von seiner Großzügigkeit
erzählt hatten. Doch die hatten übereinstimmend von Einkäufen in einem
Kasseler Sexshop berichtet. Auch dort habe der Fabrikantensohn einiges springen
lassen. In einem Bad Hersfelder Baumarkt habe man gemeinsam eine Motorsäge für
mehrere hundert Mark erstanden, um ein Baumhaus zu zimmern. „Naja, da haben
wir das Geld zusammengelegt“, sagte der 17jährige heute. Das
ist doch seltsam. Hat der Junge sich die Erpressungsgeschichte am Ende bloß
ausgedacht? Aber wenn ja, warum? Die gleiche Vermutung hegte auch einer der Verteidiger. Er hakte
deshalb nach. „Erinnern Sie sich denn nicht“ fragte er den Jungen, „daß
Sie Ihrer Freundin erzählt hatten, wie Sie Ihrem Vater regelmäßig Geld
gestohlen haben, und daß Ihr Vater das auf keinen Fall erfahren sollte?“Auch
das bestritt der Sohn heute. Ich könnte mir vorstellen, daß er vielleicht
einfach Angst vor seinem eigenen Vater hatte. Und
der Vater, der ja der eigentliche Geschädigte ist? Schließlich hat sich der
Sohn ja aus seinen Geschäftseinnahmen bedient, angeblich um die Erpresser
auszuzahlen. Was war so widersprüchlich in seiner Aussage? Das Verhalten des Vaters ist ebenfalls nur schwer nachvollziehbar.
Einerseits polterte er heute vor Gericht los, daß die Erpressung Konsequenzen
haben müsse. „Denen müssen mal die Ohren langgezogen werden“, sagt er mit
Blick auf die Angeklagten. Aber einen Moment später resignierte er: „Für
mich ist die Sache abgeschlossen, zu holen ist da sowieso nichts mehr.“
Andererseits hatte er einen Jugendlichen zur Rede gestellt und ihm mit dem Foto
der Bad Hersfelder Jugendrichterin juristischen Ärger angedroht. Doch letztlich
unternahm er nichts, sondern wartete, bis die Polizei sich bei ihm meldete. Auch
der Vater bezichtigte einen Zeugen der Lüge, der von der Erpressung nichts wußte,
dafür aber die Geldgeschenke erwähnte. Aber
wenn ich mich recht erinnere, hat doch zumindest der eine Türke die Erpressung
zugegeben. Das ist richtig, der 19jährige hat einen Großteil der Taten eingeräumt und gesagt, im wesentlichen stimme die Anklage des Staatsanwalts. Der Staatsanwalt äußerte einmal die Vermutung, daß die Wahrheit genau in der Mitte liegen könnte. Einerseits könnten die Jugendlichen den reichen Kumpel wohl tatsächlich ausgenommen haben wie eine Weihnachtsgans, aber andererseits hat er ihnen zumindest anfangs wohl auch freiwillig was ausgegeben. Morgen wollen der Staatsanwalt und die sieben Verteidiger ihre Plädoyers vortragen, und dann liegt es an den Richtern, wie sie darüber urteilen. HR 4, Osthessenjournal, 30.10.2001,
16.05 Uhr Erpresserprozeß Landgericht
Fulda Petra Klostermann (Live Studiogespräch) Sieben
Jugendliche sollen den Sohn eines Unternehmers in Bad Hersfeld um mehr als
100.000 Mark erpreßt haben. Seit August sind sie deswegen vor dem Landgericht
Fulda angeklagt. Heute haben Staatsanwalt und die Verteidiger ihre Plädoyers
gehalten. Das Ende des Prozesses wird mit Spannung erwartet. Denn im Lauf der
Beweisaufnahme traten immer mehr Ungereimtheiten und Widersprüche zutage.
Entscheidend ist nun: Wem glaubt das Gericht mehr - dem Opfer oder den
Angeklagten? Petra Klostermann, Sie haben den Prozeß beobachtet und heute zunächst
das Plädoyer des Staatsanwalts gehört. Wie schätzt denn er die Lage nach
allem ein? Bei dem angeklagten 19jährigen Türken ist der Fall klar, denn er hat
am Freitag ein umfassendes Geständnis abgelegt. Wegen räuberischer Erpressung
mit Körperverletzung und versuchten Raub würde er ihn mit fünf Jahren Gefängnis
bestrafen. Für drei weitere Angeklagte verlangt er Haftstrafen von mindestens
zwei Jahren und für die übrigen Bewährungsstrafen von mindestens einem Jahr
und drei Monaten. Der Staatsanwalt bezieht sich auf einen erfahrenen
Kriminalisten, der in dem Fabrikantensohn einen klassischen Opferkandidaten sah:
einen labilen Jungen mit wenig Selbstvertrauen. Das hätten die Angeklagten
ausgenutzt. Sie hätten in ihm eine ergiebige und leicht zu handhabende
Geldquelle gesehen. Der Junge saß in einer Zwickmühle zwischen den kriminellen
Freunden und dem impulsiven und strengen Vater. Nur deshalb habe die Erpressung
so lange Zeit funktioniert. Und die Verteidiger? Natürlich ist es deren Aufgabe, ihre Mandanten als
Unschuldslämmer darzustellen. Aber auf welcher Einschätzung basieren denn die
Argumente der Verteidiger? Tatsächlich, bis auf den
Anwalt des geständigen Türken und die Verteidigerin eines 21jährigen Türken
wollen die übrigen fünf Verteidiger einen Freispruch für ihre Mandanten
herausholen. Sie argumentierten, das vermeintliche Opfer habe seinem Vater das
Geld gestohlen und die Erpressung nur als Erklärung dafür vorgeschoben. Viele
Zeugen hatten übereinstimmend die Freigebigkeit des reichen Sohnes beschrieben.
Teure Geschenke wie eine Uhr, eine Kamera, Erotika aus dem Sex-Shop und unzählige
Runden in der Kneipe habe er ausgegeben. Auch den gemeinsamen Haschischkonsum,
den sich die Angeklagten gar nicht leisten konnten, habe er finanziert. Selbst
wenn dieses anfängliche Spendierverhalten in Erpressung umgeschlagen sei –
wie in früheren Prozeßtagen vom Staatsanwalt vermutet - hätte der Erpreßte
sich doch den Eltern oder der Polizei offenbaren können. So argumentierte ein
Verteidiger. Allerdings habe auch kein Zeuge eine Verhaltensänderung des
angeblich Erpreßten erwähnt. Ausschlaggebend scheint mir die Persönlichkeit des vermeintlich geschädigten
Jungen. Was ist denn das für ein Mensch? Darauf ist die Anwältin
eines 21jährigen Türken eingegangen. Sie sagte, nur auf den ersten Blick sei
der heute 17jährige der brave und schüchterne Sohn aus gutem Hause. In
Wirklichkeit sei er fasziniert von der Welt der polizeibekannten Jugendlichen
gewesen. Er kiffte mit ihnen, und in gewisser Weise habe er seinem Vater
nachgeeifert, also mit Geld geprotzt und den großen Mann markiert. Auf diese
Weise habe er sich in der Clique Anerkennung verschafft. Als der Vater ihn
erwischte, brauchte er eine Ausrede. Und was lag näher als die zu beschuldigen,
die ohnehin schon einiges auf dem Kerbholz haben? So argumentierte der Anwalt
eines 20jährigen Engländers in seinem Plädoyer. Das letzte Wort haben ja üblicherweise die Angeklagten. Da gab’s wohl
noch eine kuriose Wende? Ja, denn ausgerechnet
einer der fünf Angeklagten, der nach Ansicht seines Verteidigers vollkommen
unschuldig ist, gelobte: „Es tut mir alles sehr leid!“Daraufhin fragte der
Richter verwundert nach, ob nun in letzter Minute doch noch ein Geständnis auf
den Tisch käme. Doch dann kriegte er geschickt die Kurve und sagte: „Ach so,
der Junge tut Ihnen wohl leid.“ Durch die vielen Ungereimtheiten hat sich der Prozeß ja unglaublich in
die Länge gezogen. Wann ist denn endlich mit dem Urteil zu rechnen? Am Freitag mittag um 12 Uhr werden
wir wissen, wie die beiden Richter und die beiden Schöffen entschieden haben.
Und am Freitag nachmittag werden wir im Osthessenjournal darüber berichten. -------------------------------------------------------------------------------------------------------------- HR 4, Osthessenjournal, 02.11.2001,
16.05 Uhr Urteile für sieben
jugendliche Erpresser Petra Klostermann (live Studiogespräch) Heute
ist er endlich zu Ende gegangen, der langwierige Prozeß gegen sieben
Jugendliche aus Bad Hersfeld, die den Sohn eines reichen Unternehmers in Bad
Hersfeld erpreßt haben. Über ein Jahr lang sollen sie ihm mehr als 100.000
Mark abgenommen haben, von 176 Fällen war in der Anklage die Rede. Petra
Klostermann, Sie waren heute mittag bei der Urteilsverkündung dabei. Wie hoch
sind die Strafen denn ausgefallen? Die höchste Strafe erhielt
ein 19jähriger Türke mit fünf Jahren und drei Monaten. Ein 18jähriger
Kasache muß zweieinhalb Jahre ins Gefängnis. Das ist gleichzeitig die Strafe für
seinen Raubüberfall auf eine Kneipe. Ein 21jähriger Türke soll für ein Jahr
und drei Monate hinter Gitter. Die restlichen vier Täter kamen mit Bewährungsstrafen
davon. Sie müssen aber jeweils 200 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten. Fünf
Jahre und drei Monate Haft hat das Gericht einem der Täter aufgebrummt. Das
klingt ziemlich heftig. Waren die Richter diesmal besonders streng? Auch wenn es auf den ersten
Blick nicht so aussieht, ist das Gegenteil der Fall. Denn diese Jugendlichen
sind durch die Bank polizeibekannte Straftäter in Bad Hersfeld – bis auf
einen Syrer. Nicht vorbestraft zu sein fiel bei ihm dann auch positiv ins
Gewicht. Bei dreien der Täter mußte das Gericht einige frühere Urteile mit
einbeziehen. So auch bei dem 19jährigen Türken, der während des gesamten
Prozesses seine Fußfesseln anbehalten mußte. Seit Anfang des Jahres sitzt er
bereits eine Strafe von drei Jahren und sieben Monaten ab. So gesehen ist die
Strafe eigentlich doch nicht so streng. Günstig hat sich für ihn sein Geständnis
ausgewirkt. Auch
wenn es Teilgeständnisse gab, war es ja nicht ganz unumstritten, ob die
Angeklagten wirklich die Täter waren. Zeitweise wurde mit den Zeugen im
Gerichtssaal darüber diskutiert, ob der Fabrikantensohn das Geld nicht auch
freiwillig ausgegeben habe. Wie begründet das Gericht denn die Schuld der
Angeklagten? Der
Richter bezeichnete die Erpressungen als schlichtes „Abrippen“ in einer
beachtlichen Größenordnung. Auch wenn das Gericht den Angeklagten nicht jeden
Einzelfall nachweisen könne, hätten die Angeklagten leichtes Spiel mit ihrem
Opfer gehabt. Sie hätten kaum Widerstand gespürt. Das Gericht glaubte dem
erpreßten Jungen, weil er seine fragwürdigen Bekannten vor Gericht niemals zu
Unrecht belastet hat. Typisch für Erpressungen sei das heimliche
Beiseitenehmen, die bedrohlichen Telefonate und das Auftreten der Täter in der
Übermacht. Freundschaften erkauft habe sich der Fabrikantensohn nicht. Denn
dann hätten auch seine wahren Freunde oder zumindest seine Freundin ebenfalls
materielle Zuwendungen erhalten. Daß der Junge mit seinen Erpressern Haschisch
geraucht hat, erklärt der Richter mit dem Alter. Er habe sich dem Gruppenzwang
kaum entziehen können. Und wie haben die Verteidiger auf die Urteile reagiert? Gehört habe ich, wie die
Verteidigerin des ältesten Angeklagten die Bewertung des Gerichts ein klares
Fehlurteil nannte. Sie vertritt weiterhin die Auffassung, daß der
Fabrikantensohn einfach nur sehr großzügig im Verteilen der Geldzuwendungen
war. Rein rechtlich steht ja sämtlichen Angeklagten offen, ob sie über ihre
Verteidiger Revision einlegen wollen. Deshalb konnten auch die zu Haftstrafen
Verurteilten den Gerichtssaal unbehelligt verlassen. Sie müssen noch nicht ins
Gefängnis. Ist
mit dem heutigen Urteil nun die Welle der Erpressungen in Bad Hersfeld beendet? Ich fürchte, nein. Die
Jugendrichterin am Amtsgericht in Bad Hersfeld bekommt immer wieder solche
Erpressungsfälle auf den Tisch. Nur die härteren Sachen werden vor dem
Landgericht Fulda verhandelt. Erst gestern hat vor dem Landgericht Fulda wieder
ein Prozeß gegen sechs Jugendliche begonnen, die wegen Erpressung angeklagt
sind. |
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Wolfgang Ferner
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