Lebenslang
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Aus: Das Magazin, 12/2001

 Was hat ein Lebenslänglicher zu verlieren?

 Als junger Mann erstach Rolf H. aus Eifersucht seine Freundin. 18 Jahre später rastet er erneut aus – diesmal im Strafvollzug, auf einer Abteilung, die seine Fähigkeit überprüfen soll, wieder in Freiheit zu leben

Von Cornelia Schwenkenbecher

  Niemand wartet auf Rolf H. Kein Mensch. Was aus seinen Eltern geworden ist, weiß er nicht, er zog aus, als er 17 war, brach hinter sich alle Brücken ab, ging lieber freiwillig ins Heim, als länger in einem Zuhause zu leben, in dem der Vater soff und schlug, die Mutter ängstlich kuschte oder schrie, nie aber die Kraft hatte, ihre Kinder zu schützen. Das ist lange her. Rolf H. ist inzwischen 51. Er kann sich mit seiner verkorksten Kindheit nicht mehr rausreden. Er ist klug genug, das zu wissen. Nach dem grausamsten und zugleich tragischsten Tag in seinem Leben hat ein forensischer Psychiater ein Gutachten über Rolf H. erstellt, und es zeichnet das Bild eines zutiefst zerstörten, gekränkten Mannes, eines Loosers, der über eine überdurchschnittliche Intelligenz verfügt: Einen IQ von 111 – wie Rolf H. – erreichen kaum 20 Prozent der Bevölkerung, der statistische Durchschnitt liegt um 103, ab 130 spricht man von einer Hochbegabung. Hätte H. bessere schulische Voraussetzungen gehabt, schrieb der Professor, hätte er zu Hause nur ein Minimum an Rückhalt und Unterstützung gefunden, wäre seine Intelligenzleistung noch besser ausgefallen. Er stürzte ab, als er vierzehn war. Mitten in der Pubertät. Da hatten Schläge und ewiger Streit den Jungen zermürbt. Sagt der Psychiater. Hauptschul­abschluß 9. Klassse, abgebrochene Lehre, Hilfskraft bei einem Wanderzirkus, Lagerarbeiter auf dem Fruchthof.

Über charakterliche Stärken, über Selbstbewußtsein und Emotionen verrät ein IQ nichts. H. selbst beschreibt sich als mißtrauisch, ängstlich und hochsensibel. Im Gefängnis sitzt er seit neunzehn Jahren: wegen Mordes. Lebenslänglich. Er hat den einzigen Menschen, dem er je nahe war, getötet. Erstochen.

Manuela war 19, als sie starb, ein  lebenslustiges, bildhübsches Mädchen, viel, viel jünger als er, zutraulich und offen. Rolf H. hatte sie auf dem Fruchthof kennengelernt. Sie half im Blumenkiosk ihrer Mutter aus, er arbeitete für eine Firma ein paar Meter weiter. Rolf H. fühlte sich gleich zu dem fröhlichen Wesen hingezogen, das so viel Selbstbewußtsein ausstrahlte. Dinge, die ihm völlig fehlten. Sie mochte den ernsthaften, ruhigen Mann, der, wenn er wollte, so klug übers Leben reden konnte und so schöne Briefe schrieb.

Als sie zu ihm zog, ganz schnell und ohne Ressentiments, ahnte sie nichts von seiner Eifersucht, seiner immer in ihm lauernden Furcht, die Frau, die er liebte und die er an sich binden wollte, könnte ihn verlassen. Eine solche Erfahrung hatte er nämlich schon einmal gemacht, Jahre zuvor, mit seiner ersten Liebe, Sabine. Sie studierte Medizin – und ging weg, weil sie sich in einen Kommilitonen verliebt hatte, einen jungen Griechen, dem sie folgen wollte.

Wochenlang bedrängte Rolf H seine Freundin, bei ihm zu bleiben, er beschimpfte sie, schmeichelte ihr, warf sie raus, holte sie heim, verwöhnte und bedrohte sie. Bis sie sagte, »Du nervst mich. Schluß.« Da kaufte er sich ein Fahrtenmesser und zerstörte all ihre Sachen, verbrannte sie schließlich. Und schlug auf Sabine ein. Wegen Körperverletzung und Brandstiftung verurteilte ein Gericht Rolf H. zu anderthalb Jahren Haft. Auf Bewährung.

Von alledem wußte Manuela nichts, als sie Anfang 1981 bei ihm einzog. Rolf H. schildert eine glückliche, innige Zeit. Er ließ sich von ihrer Aktivität anstecken, fühlte sich aufleben. Und kam doch nicht von seiner Angst frei. Ging sie mit Freunden aus, witterte er Verrat und Treuebruch, machte ihr Vorwürfe, die Manuela erzürnten. Sie sei doch nicht sein Besitz. Vielleicht flirtete sie sogar manchmal mit anderen Männern, weil sie ihn ärgern wollte. Rolf H. spürte, wie er sie von sich wegstieß, indem er sie an sich ziehen wollte, und begann sich immer plastischer auszumalen, wie allein er sein würde, wenn sie ihn verließe, wie es ihn kränken und verletzen würde, wenn sie ginge. Im Streit überhäufte er sie mit Vorhaltungen – so lange, bis es Manuela zu bunt wurde. Sie nahm ihre Sachen und verschwand, er lief ihr nach, versprach Besserung – bis zum nächsten Mal. Ein halbes Jahr lang pendelten sie zwischen Zerwürfnis und Versöhnung. Dann begriff Rolf H., daß er Manuela verloren hatte.

Doch wenn sie schon nicht ihm gehöre, so dürfe sie auch kein anderer besitzen. Dieser Gedanke fraß sich in ihm fest. Nur so konnte er sich gegen den Verlust schützen. In der Nacht nach einem neuerlichen Streit nahm er das Messer, das er einst gekauft hatte, und stach auf Manuela ein. Sie starb, noch bevor der Krankenwagen kam. Rolf H. verließ den Tatort, suchte all die Parks und Plätze auf, an denen er mit »seinem Mädchen« frisch verliebt spazierengegangen war, und ließ sich verhaften. Da er weder im Affekt, noch in krankhafter seelischer Verfassung getötet hatte, befand das Gericht 1982 auf Mord: Lebens­länglich. Seitdem sitzt Rolf H. ein.

»Herr H. war ein sehr angenehmer Gefangener und ein kooperativer Klient.« Dieses Urteil über Rolf H. steht nun, neunzehn Jahre später, im Verhandlungssaal 537 des Berliner Landgerichts im Raum. Aber es ist keine Strafvollstreckungskammer, die diese Worte hört, keine Instanz, die darüber entscheiden soll, ob Rolf H. nach so vielen Jahren verbüßter Haft vorzeitig entlassen werden kann, betreut und mit allen Auflagen einer Bewährung. Es ist ein Strafgericht. Denn Rolf H. ist wieder gewalttätig geworden. Nach achtzehn Jahren im Gefängnis. Ruhig und zurückgezogen habe er die Strafzeit verbracht, bestätigt das Personal, ohne jeden Kontakt nach draußen, ohne jede Auffälligkeit, ohne sich auf Knastverbrüderungen, Alkohol oder Drogen einzulassen. In Berlin fiel die Mauer, wechselten Regierungen, entstand eine neue Mitte, aber Rolf H. blieb dem fern. Er las Rilke, absolvierte eine Lehre als Elektroniker, stürzte sich in die Arbeit, die ihm zugewiesen wurde, galt als zuverlässig, fleißig, isoliert. Er absolvierte Therapien, mehr als eine, manche zeitgleich. Und weil auch ein Lebenslänglicher bei Einsicht und guter Führung irgendwann wieder eine Chance bekommen soll, ein neues Leben zu beginnen, regte die Berliner Senatsverwaltung für Justiz 1998 an, Rolf H. solle in eine sozialtherapeutische Abteilung aufgenommen werden. Für viele Langstrafler ist das ein erstes Signal der Hoffnung. Hier wird in einer einjährigen Probezeit geprüft, ob und in welchen Schritten, mit welchen Lockerungen ein Haftende denkbar sei.

Rolf H. hatte Pech. Mag sein, die Anstalt fühlte sich von dem Ansinnen überrumpelt, mag sein, man war dort ohnehin überfordert, weil überbelegt. Ein einziger Therapeut erklärte sich bereit, mit Rolf H. zu arbeiten. Und zu dem faßte er Vertrauen. Viele Monate lang sprachen sie über H.s Aggressionen, seine Empfind­lichkeiten, seine unbeherrschten Phantasien, seine Trennungsängste. »Herr H. war offen, redete sich nicht heraus, er war ernst und nachdenklich, wenn es um sein weiteres Leben ging, aber er hatte auch Pläne. Das erlebt man nicht oft bei Lebenslänglichen«, berichtet der Therapeut nun dem Gericht, das über den neuerlichen Gewaltausbruch des Delinquenten befinden muß. »H.s Unglück war wohl, daß ich damals länger krank wurde und ausfiel.« Ein Ersatz für den Erkrankten fand sich nicht. »Herr H. hing in der Luft. Sie können sich sicher vorstellen, was das für einen Häftling bedeutet.«

Für Rolf H. raste die Zeit dahin, er wußte, wenn das Probejahr verstreicht, ohne daß seine Therapie fortschreitet, ist alles Künftige in Gefahr. Er schrieb Briefe, ersuchte um Aussprachen, umsonst. So empfand er es jedenfalls. Dann kam sein Betreuer wieder, H. schöpfte Hoffnung, aber die Anstaltsleiterin Brigitte E. entzog ihm die Zuständigkeit – ohne Kommentar und ohne Ersatz. Davon wurde sogar der Betreuer überrascht. Aber er wehrte sich nicht. »Es gibt eben klare, hierarchische Strukturen.«

Rolf H. argwöhnt, daß es der Leiterin nicht gepaßt habe, daß sein Therapeut in den Monaten ihrer Zusammenarbeit zu einer für ihn günstigen Beurteilung gekommen war und ihn bei seinem Antrag auf vorzeitige Haftentlassung unterstützt habe. Nun war sein einziger Halt »abgesetzt«. »Ich hatte das untrügliche Gefühl, daß mir Frau Dr. E. ausweicht«, erinnert sich der kleine graue Mann, »daß sie meine Sache bewußt verzögert, mich ignoriert, mich hängen läßt. Es gab so viele Indizien.« Aus Hoffnung wird Resignation, aus Enttäuschung wächst Haß. 

Als er schließlich erfährt, daß Frau Dr. E. seinen Antrag mit einem negativen Votum versehen hat – »...sehen wir derzeit keinen Anlaß, den Antrag zu befürworten...« –, hört er wieder auf seine eingepferchten, umzingelten, egoistischen Gedanken: Tu ihr weh! Mit einer Papierschere sticht er auf die Anstaltsleiterin ein. Mitgefangene gehen dazwischen, aber Rolf H. fühlt sich befreit – und hat sich doch nur selbst wieder zerstört. Diesmal endgültig?

Frau Dr. E. kommt nach wenigen Tagen in den Dienst zurück, Rolf H. wartet nun auf ein neuerliches Urteil. Auch ein Lebenslänglicher hat viel zu verlieren. Das Gericht vertagt seine Entscheidung.

 

 
Copyright © 2001 Wolfgang Ferner
Stand: 14. April 2008