Gestehen!
Home Regino-Preis 2008 Regino-Preis 2007 Regino-Preis 2006 Regino-Preis 2005 2002 et. al. Regino:Biographie Links Ausschreibung 2009

 

Nach oben

Jeanette Kießling

 

Gestehen Sie!

 

Heute sind alle spät dran. Richter und Staatsanwalt laufen ohne Amtstracht auf dem Gerichtsflur herum, einer der beiden Verteidiger nimmt die Ehefrau des Angeklagten mehrmals zur Seite und flüstert ihr etwas ins Ohr und der Protokollführer ist überhaupt noch nicht erschienen. Der einzige, der ordnungsgemäß dort sitzt, wo er hingehört, ist B., der Angeklagte. Im Gerichtssaal wartet der Albaner auf seine Verhandlung. Doch zunächst reden seine Verteidiger ihm noch leise ins Gewissen: „Ich würde es so machen“, ist zu hören und „Mir wäre das Risiko zu groß“. Einer der Verteidiger geht zum Staatsanwalt, der jetzt auf der anderen Seite des Gerichtssaales Platz genommen hat: „Wie stehen Sie denn zum offenen Vollzug?“.

Sind die Beweise gegen den Angeklagten so stichhaltig, dass sogar seine Verteidiger davon ausgehen, dass er verurteilt wird?

B. sitzt auf der Anklagebank, weil er im Dezember letzten Jahres Herrn R. mit einem Messer bedroht haben, ihn zur Herausgabe von Geld und Handy gezwungen und geschlagen haben soll. Das wäre schwerer Raub mit Körperverletzung.

B. ist 23 Jahre alt und mit einer deutschen Krankenschwester  verheiratet, von deren Einkommen er auch lebt, selber hat er keines. Seine Kindheit verbrachte er mit drei Geschwistern bei seiner Mutter in Albanien, ging acht Jahre zur Schule, hat keine Berufsausbildung und kam 1997 nach Deutschland.

 

„Wenn Herr R. als Zeuge ausgesagt hat, ist die Sache für Sie gelaufen!“

 

Der Vorsitzende Richter Boenig beginnt die Verhandlung mit einer Frage an die Verteidiger: „Haben Sie sich mit Ihrem Mandanten besprochen?“. „Ja, wir wollen verhandeln“, ist die Antwort. Der Richter wendet sich an den Angeklagten, seine Stimme ist klar und durchdringend: „Sie hören jetzt von mir ein offenes Wort vorneweg. Für die Tat, die Ihnen vorgeworfen wird, gibt es eine Mindeststrafe von fünf Jahren. Es sei denn, es handelt sich um einen minderschweren Fall, dann wäre es nur mindestens ein Jahr. Das könnten wir hier mit einem Geständnis erreichen.“ Die Stimme des Richters wird noch deutlicher: „Sie müssen nicht denken, dass Sie jetzt hier pokern können und einfach abwarten, was passiert. Wenn Herr R. erstmal als Zeuge ausgesagt hat, ist die Sache für Sie gelaufen! Dann ist der Zug abgefahren! Wollen wir noch einmal fünf Minuten Pause machen?“. Die Verteidiger nicken eifrig und beugen sich sofort wieder zu ihrem Mandanten. Alle anderen verlassen den Gerichtssaal.

 „Und, wie soll´s laufen?“, fragt Richter Boenig die Verteidiger nach der Beratungspause. „Wir wollen eine Erklärung abgeben“, lautet die Antwort: „Die Anklage trifft zu, allerdings gibt es einige Anmerkungen. Die beiden Männer kennen sich sehr gut und hatten eine Auseinandersetzung, weil Herr R. unserem Mandanten unsauberes Kokain verkauft hatte. Unser Mandant hatte Kokain konsumiert, war alkoholisiert und sehr wütend. Er hat damals zwischen fünf und zehn Gramm Kokain täglich gebraucht. Seitdem er in U-Haft sitzt, geht es ihm besser, er hat an Einsicht gewonnen, acht bis zehn Kilo zugenommen und seine Ehe hat sich verbessert. Die war vorher durch die Kokainsucht stark gestört. Außerdem war die Waffe, die er bei sich führte, nicht das übliche Messer, um eine Straftat zu begehen, sondern um ein Kokainpäckchen zu öffnen.“ Die Verteidigung hält eine Freiheitsstrafe von einem Jahr und drei Monaten auf Bewährung für angemessen, plädiert auf verminderte Schuldfähigkeit durch Alkohol und Drogen und bittet den Richter, die Angelegenheit als „minderschweren Fall“ einzustufen.

Die Sache ist klar, die Zeugen können alle nach Hause gehen. Nur bei dem Strafmaß sind sich die Parteien nicht einig. Mit Blick auf das Vorstrafenregister schließt der Staatsanwalt eine Bewährungsstrafe aus: Handel mit Betäubungsmitteln, gefährliche Körperverletzung, Verstoß gegen das Asylgesetz und Fahren ohne Fahrerlaubnis sind dort aufgeführt. Und erschwerend kommt hinzu, dass der Angeklagte die letzte Tat beging, während er noch eine Bewährungsstrafe verbüßte.

Auch für Richter Boenig kommt eine Bewährung hier nicht in Betracht: Er gibt ein Jahr und drei Monate Freiheitsstrafe für schweren Raub in Tateinheit mit vorsätzlicher Körperverletzung. „Es war nicht einfach, auf einen minderschweren Fall zu kommen“, sagt der Richter in der Urteilsbegründung, „aber ein Geständnis wird hier hoch angerechnet“.

 

Copyright © 2001 Wolfgang Ferner
Stand: 14. April 2008