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Regino-Preis,
Rede vom 31.10. Der
Gerichtsreporter: Vom Problem zu verstehen, was man sieht und hört. Meine
Herren und Damen. So stellt
man sich die Arbeit des Gerichtsreporters gemeinhin vor - als eine angenehme und
irgendwie bequeme Beschäftigung, die vor allem durch Herumsitzen gekennzeichnet
ist. Na ja
- inzwischen weiß ich: ganz so einfach ist die Sache nicht - ganz abgesehen
davon, dass ich heute oft genug hinter renitenten Pressesprechern
hertelefonieren muss, um noch einen Platz auf der überfüllten Pressebank zu
ergattern oder (wie jetzt beim Boris-Becker-Prozess in München) zwei Stunden
lang vor dem Gerichtssaal anstehe, um noch einen Blick auf die
Prozessbeteiligten zu erhaschen. Das
wirklich Schwierige an der Gerichtsberichterstattung aber ist es, die spannenden
Geschichten, die sich unter meinen Augen im Gerichtsaal vollziehen, auch
wirklich zu begreifen und sie der Leserschaft, die ja auf die getreuliche
Wiedergabe des Geschehenen vertraut, richtig zu vermitteln. Das mag für den
normalen Hörer jetzt abwegig klingen - was soll daran schwierig sein, die
Rekonstruktion einer Tat, die Motivlage eines Angeklagten, das
gerichtsmedizinisch nachvollzogene Leid eines Opfers, die Plädoyers von
Staatsanwaltschaft und Verteidigung und die Verkündung eines Urteils zu
verstehen - aber die Juristen unter Ihnen werden wissen, was ich meine. Die Realität
der Strafjustiz - so kommt es mir vor - ist nicht deckungsgleich mit der
Wirklichkeit in der Welt da draußen. Es gelten andere Gesetze der Wahrnehmung,
andere Maßstäbe der Einordnung und Bewertung, ja sogar Worte haben oft eine
andere Bedeutung. Auf den ersten Blick gleicht ein Strafprozess einer
Theatervorstellung. Alle haben sich verkleidet und der eigenen Person durch
schwarze würdige Roben zusätzliches Gewicht verliehen. Das Stück selbst steht
in groben Zügen in den Akten. Der Ausgang ist zwar offen, aber meistens
absehbar. Alle Beteiligten haben ihre Rolle und ihren Text und machen durch
Ausspielen der Fähigkeiten das Beste aus ihrem Part. So erscheint es mir, und
ich finde nichts Verwerfliches dabei: Gerade bei den Verteidigern kann der Hang
zur Großen Oper nicht übersehen werden. Staatsanwälte und Richter müssen
sich in ihrer Selbstdarstellung beschränken, finden aber auch immer wieder
Mittel und Wege, sich ins Zentrum des Interesses zu rücken - wenn eben auch auf
dezentere Weise. Beim
Strafprozess ist es aber leider so, dass das Publikum - darunter eben auch die
Journalisten - oft sehr wenig, manchmal gar nichts versteht. Denn wer einen
Strafprozess verfolgt, wohnt einem Improvisationstheater mit zwei Ebenen bei: Es geht auf
der ersten Ebene darum, einen Sachverhalt aufzuklären. Ein Verbrechen, und also
ein Stück Leben wird nachgespielt. Ist der Mensch, der da auf der Anklagebank
sitzt, wirklich schuldig, ist er schuldig in dem Maße, wie es ihm vorgeworfen
wird und so weiter ... Vielleicht lügt der Angeklagte. Vielleicht lügen die
Zeugen? Womöglich widersprechen sich alle gegenseitig. Schon um die erste Ebene
zu verstehen, muss man als Reporter viel arbeiten: Wer ist der Gutachter, was
ist seine Geschichte, welche Gutachten hat er schon gemacht? Was taugt sein
Gutachten? Wer ist der Verteidiger, welche Geschichte hat er, was taugt seine
Strategie? Welche Möglichkeiten bietet die Strafprozessordnung den
Prozessbeteiligten? Was sagt der Bundesgerichtshof in ähnlichen Fällen?
Tausend Dinge muss (oder müsste) der Gerichtsreporter wissen, er muss die
Gesetze kennen, die diese erste Ebene beherrschen. Er muss die Zusammenhänge
recherchieren. Er muss sich schlau machen, er muss sich ein Heer von kompetenten
Fachleuten warmhalten, die er fragen, fragen und fragen kann. Doch es
gibt noch eine zweite Ebene in dieser Vorstellung. Es findet ein Spiel mit
doppeltem Boden statt. Der Reporter muss nicht nur verstehen, was auf der Aufklärungsebene
läuft, sondern auch, was für ein Spiel die Prozessbeteiligten hier miteinander
spielen. Von welchen politischen oder medialen Interessen sind sie unter Umständen
getrieben? Welche Kunstgriffe wenden sie an, um ihr Ziel zu erreichen? Wie
gekonnt spielen sie sozusagen "über die Bande"? Welches Stück im Stück
wird hier aufgeführt. I. Ein schönes
Beispiel für dieses Nichtverstehen der Presse war der eben zu Ende gegangene
Kossak-Prozess in Hamburg. Dem ehemaligen Oberbaudirektor der Hansestadt war
vorgeworfen worden, er habe vom einem Immobilienunternehmer 200.000 Mark
Bestechungsgeld entgegengenommen und sich daraufhin dafür eingesetzt, dass ein
Bauvorhaben dieses Unternehmers in bester Alsterlage von den Beschränkungen des
Bebauungsplans befeit wurde. Ein entlassener Mitarbeiter des Immobilienherrn,
der die Bestechungsszene miterlebt haben will, wurde von der Staatsanwaltschaft
als Hauptbelastungszeuge präsentiert, seine Angaben waren der Dreh- und
Angelpunkt des Vorwurfs. Verfolgte
man die Hamburger Gerichtsberichterstattung, stand es schlecht um den armen
Oberbaudirektor. Die belastenden Aussagen des Zeugen wurden in den Artikeln als
überzeugend geschildert, und der ganze Mann erschien glaubwürdig. Das Gericht
war - folgte man den Blättern - tief beeindruckt vom Detailreichtum und der
Stichhaltigkeit seiner Mitteilungen, und die Verteidiger kamen höchstens als Kämpfer
auf verlorenem Posten vor. Ich
war selbst ein paarmal in der Verhandlung und erlebte einen schlagfertigen und
sehr originellen Vorsitzenden, eine sich gekonnt in Szene setzende Verteidigung
und eine giftige Staatsanwaltschaft. Also alles, wie es sein soll. Der Zeuge -
nicht ganz so seriös wie in der Zeitung beschrieben - plauderte locker aus dem
Nähkästchen. Als ich nachher ein bisschen mit den Anwälten sprach, traf ich
auf gutgelaunte Herren und erfuhr, dass die Sache bestens stünde, das Gericht
glaube dem Hauptbelastungszeugen kein Wort und die Staatsanwaltschaft kämpfe
auf verlorenem Posten. Was
war nun davon zu halten? Fassunglos hörten die Gerichtsreporter später das
Urteil. Die Verteidiger hatten Recht behalten. Die ganze Tendenz der
Berichterstattung war falsch gewesen! Woran
lag das. Vielleicht hatten die Reporter den Unglauben in der Stimme des
Vorsitzenden bei der Befragung überhört, weil sie nicht wussten, wie es sich
bei diesem ironischen Richter anhört, wenn er einem Zeugen tatsächlich Glauben
schenkt. Vielleicht
- dazu neigt die Presse auch - hatten sie sich blind an die Position die
Staatsanwaltschaft angehängt, in der Hoffnung, diese werde schon die richtige
sein - zumal sich so die Bürgerwut auf korrupte Beamte ganz trefflich und
bequem bedienen lässt. Die Verteidigung ist ja, das wissen die Journalisten,
eh' immer auf Seiten des Angeklagten. Und die Staatsanwaltschaft erhebt immerhin
den Anspruch, die objektivste Behörde der Welt zu sein. Das vertrauenerweckende
Wort Staat ist in ihr enthalten, und immerhin haben ihre Ermittlungen diese
Hauptverhandlung hier auf den Weg gebracht. So oder so ähnlich werden die
Erkenntnisprozesse verlaufen sein, aber sie sind falsch gelaufen und bewirkten
eine 180-Grad-Wendung in der Berichterstattung am Tage der Urteilsverkündung.
Vom überraschenden Freispruch war die Rede. Überraschend aber war er
allenfalls für die Pressebank. Ist die Leserschaft Hamburgs jetzt wahrheitsgemäß
und kompetent informiert worden? II. Zweites
Beispiel. In Lübeck bin ich selbst hereingefallen. Dort steht derzeit Hartmut
Crantz vor Gericht, dessen Frau 1999 spurlos verschwunden ist. Crantz wird
vorgeworfen, sie ermordet zu haben. Er sitzt auf der Anklagebank, unterstützt
von seinem Verteidiger Gerhard Strate. Crantz eigener Sohn sitzt ihm als Nebenkläger
gegenüber und belastet seinen Vater schwer. Er wird von Rechtsanwalt Johann
Schwenn unterstützt. Bei der
Befragung eines zentralen Belastungszeugen kommt es nun zu folgender Szene:
Strate hat gerade das Fragerecht, und es geht zäh voran. Plötzlich unterbricht
Strate, schlägt mit der flachen Hand auf die Tischplatte und ruft wütend zum
Richtertisch hinüber: "Wissen Sie, Herr Vorsitzender, meine wichtigsten
Fragen kann ich hier nicht stellen, weil der Sohn des Angeklagten da drüben
sitzt und alles mithört. Er selbst ist aber als Zeuge noch gar nicht vernommen
worden. Das ist doch meinem Mandanten gegenüber nicht fair. Ich werde, ich muss
jetzt aufhören zu fragen!!" Der
Nebenklägervertreter Schwenn bietet aber überraschend an: Sein Mandant
verlasse gerne den Saal, dann könne Strate ja in Ruhe weiterfragen. Warum lächelt
er dabei? Warum scheint es so, als müsse auch der Vorsitzende sich das Lachen
verbeißen? Warum ist der Verteidiger Strate alles andere als erfreut über
dieses Angebot. Warum schaut er so säuerlich, als der Nebenkläger sich erhebt
und hinausgeht? Er hat seinen Willen doch bekommen. Allein
bei den Zuschauern herrscht tiefe Befriedigung über die Herstellung der
Waffengleichheit. Strate fragt also weiter. Jetzt ohne die Zeugenschaft des
Sohnes Crantz. Aber seine Fragen sind eher belanglos. Warum? Er wollte doch
jetzt erst richtig loslegen. Erst
später, als ich mich bei den Proezssbeteiligten erkundige, geht mir auf, was
ich miterlebt hatte. Der schlaue Strate hatte die Empörung über die
Anwesenheit des Nebenklägers nur inszeniert, weil ihm die Fragen ausgegangen
waren. Aus diesem Zeugen war - jedenfalls zugunsten des Angeklagten - kein Wort
mehr herauszuholen. Also wollte Strate die unergiebige Befragung wenigstens mit
einem Paukenschlag beenden und Sympathien für den Angeklagten sammeln. Und bei
den Zuschauern hatte er Erfolg damit. Dadurch aber, dass der Nebenkläger
freiwillig den Raum verließ, war Strates Plan durchkreuzt. Er musste sich jetzt
noch mehr fade Fragen ausdenken. Das ärgerte ihn, und der Vorsitzende hatte
sein Freude dran. III. Ein
drittes Beispiel aus der allerjüngsten Vergangenheit: der Prozess gegen Boris
Becker in München. Ich habe selten so viel telefoniert, herumgefragt, gelesen
und recherchiert, wie um diesen Prozess zu verstehen - obwohl er nur einen
einzigen Tag dauerte. Mein Kollege, der mir damals auf die Schulter klopfte,
ahnt nicht, wie unrecht er hatte: Von wegen "da setzt man sich rein und hört
sich tolle Geschichten an". Erstens sind Wirtschaftsstrafsachen langweilig,
Steuerstrafsachen sind sogar besonders langweilig. Aber diese Hauptverhandlung
war - vom Thema her - nicht nur langweilig, sie war für den Laien völlig
undurchschaubar. Auf den
ersten Blick sah alles ganz einfach aus: Becker ist angeklagt, Steuern
hinterzogen zu haben, das hat man ihm nachgewiesen. Die Vorsitzende gibt
bekannt, die Prozessbeteiligten hätten im Vorfeld bei einem Verständigungsversuch
die Möglichkeit einer Bewährungsstrafe erörtert. Es sei zu keiner Einigung
gekommen, die Vorstellungen über das Strafmaß hätten zu weit auseinander
gelegen. Wessen Vorstellungen sich nicht in Einklang bringen ließen, sagt sie
nicht und auch nicht, welche Ansicht das Gericht geäußert hat. Die
Verteidiger stellen ihren Mandanten als leichtsinnigen jungen Mann vor, der mit
der Hinterziehung eine Dummheit begangen hat. Sie lassen Becker dann eine Art
Geständnis verlesen, in das sie ihm den bedingten Vorsatz hineinformuliert
haben. Auch das muss man erkennen. Der Staatsanwalt will das nicht gelten lassen und zeichnet ein Bild von Becker als gerissenem Hinterzieher von beträchtlicher krimineller Energie, er habe getrickst und getürkt, er habe die Fahndung an der Nase herumgeführt und seine Angaben hätten ständig widerlegt werden müssen. Diese Darstellung der Staatsanwaltschaft wird gekrönt von ihrem Strafantrag: 3 1/2 Jahre Gesamtfreiheitsstrafe. Alle sind
schwer beeindruckt. Die Journalisten stürzen hinaus. Jeder will es als erster
melden: Becker soll ins Gefängnis. Anderntags steht es auf der Seite 1 jeder
deutschen Tageszeitung. Niemand
fragt, wieso eigentlich die Staatsanwaltschaft ihre Indizien nicht auf den Tisch
legt. Warum sie keinen einzigen Beweisantrag stellt, keinen einzigen Zeugen
aufbietet, der die Tricksereien des Angeklagten Becker beschreiben könnte.
Niemand fragt sich, wieso die Staatsanwaltschaft diese magere kleine
Beweisaufnahme hinnimmt, in der ein paar Briefe und Zahlenkolonnen auszugsweise
verlesen werden, obwohl es doch um 3,3 Mio Mark hinterzogene Steuern geht.
Niemand fragt, warum die Staatsanwaltschaft offenkundig darauf verzichtet, das
wesentliche Ergebnis ihrer Ermittlungen zu präsentieren, obwohl dieses doch für
die Einschätzung der kriminellen Energie und das Strafmaß von zentraler
Bedeutung ist. So jedenfalls steht der Strafantrag der Staatsanwaltschaft in
groteskem Missverhältnis zur nachgewiesenen kriminellen Energie des
Angeklagten. Anderntags:
Große Erleichterung. Becker kriegt 2 Jahre auf Bewährung. Ich bin zum
Staatsanwalt gegangen und habe ihn gefragt, ob er Revision einlegen will. Das müsse
er prüfen, antwortete er sibyllinisch. Inzwischen sah ich Becker und die
Vorsitzende einander herzlich die Hände schütteln. Als
ich hinausging, wurde mir eine Presseerklärung in die Hand gedrückt, in der
Becker schriftlich seine milde Strafe bejubelt. Und schon durch die Wortwahl lässt
der Verurteilte erkennen, dass es keine Revision geben wird. Woher wusste er das
alles damals schon - wir wissen es inzwischen auch. Weder Becker noch seine Anwälte
konnten diese Presserklärung nach der Urteilsverkündung gesehen haben. Sie
waren ja noch nicht einmal aus dem Sitzungssaal gekommen. Sie müssen alles,
alles lange vorher gewusst haben. Ich
ziehe aus dem, was ich gesehen habe, den Schluss, dass das Gericht und die
Staatsanwaltschaft dem Volksliebling Boris Becker eine lange Hauptverhandlung
und eine höhere Strafe ersparen wollten. Aber man hat sich nicht ausdrücklich
geeinigt, so wie es der Bundesgerichtshof verlangt. Das ging auch nicht, denn
dann hätte die harte bayerische Justiz ihr Gesicht verloren und sich vor allem
die Staatsanwaltschaft den Vorwurf eingehandelt, sie lasse sich doch vom - hier
wohl eher vermeintlichen - Ansehen der Person blenden. Deshalb musste der
Sitzungsvertreter ein 40-minütiges Plädoyer über das Verwerfliche des
Becker'schen Tuns halten und am Ende eine zu vollstreckende Freiheitsstrafe
fordern. Man hat sich also - in der Sprache der Juristen - konkludent geeinigt.
Und ich hatte eine gelungene Theateraufführung gesehen. Der
Gerichtsreporter muss - und damit komme ich zum Schluss - vor allem eines:
AUFPASSEN. Denn jedes Stück, in das er geht, wird nur einmal gespielt. |
Copyright © 2001
Wolfgang Ferner
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