Der Fremde
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Wie „Der Fremde an meinem Tisch“ entstand

 

Segelturns auf dem Mittelmeer und Überlebenstrainings im Dschungel  - jede Menge hilflose Konzepte, um junge Wiederholungstäter wieder ins Boot zu holen. Als ich bei meinen Recherchen zum Thema Jugendstrafe auf die Sozialpädagogin Petra Peterich stieß, dachte ich  erst: Wieder so ein ‚Gut –Menschen-Projekt’,  gruppendynamisches Pasta Kochen statt Bestrafung? Doch schnell wurde ich eines Besseren belehrt. Frau Peterich war cool, sehr sachlich und konnte das übliche ‚Sozialpädagogen-Geschwätz“ nicht ausstehen. Sie hatte seit 1996 schon 39 Jugendliche aus der U-Haft geholt und bei sich zu Hause untergebracht. Zwei Drittel davon haben sich danach nie wieder etwas zu schulden kommen lassen.

Nach unserem ersten Treffen hat Petra Peterich um Bedenkzeit gebeten. War nicht begeistert von der Aussicht, über Monate von einem Fernseh-Team begleitet zu werden. Dann aber hat sie uns ihr Haus geöffnet und wir haben in den folgenden sechs Monaten, der Arbeit an „Der Fremde an meinem Tisch“ gegenseitig Vertrauen gefasst.

Hut ab vor Petras Engagement

In ihrem Lüneburger Haus, das eigentlich ideal für zwei gewesen wäre, lebte die 59-jährige Sozialpädagogin mit ihrem Mann Werner, 72 und zwei 18-jährigen ‚Knackis’ ohnehin auf engstem Raum. Als noch drei Fernsehleute dazu kommen, die sich von frühmorgens bis spät an ihre Fersen heften, wird es für die Hausbewohner schon mal grenzwertig. Und auch für das Team war es Filmen in einer Extrem-Situation.

Live dabei auf engstem Raum

Das zeigt sich besonders in Konfliktsituationen, etwa als Petra herausfindet, dass Ansgar wieder harte Drogen nimmt. Oder bei der Hauptverhandlung von Alexander, wo es extrem zur Sache geht. Oder auch an Abenden, als Ansgar schlecht gelaunt durchs Haus trampelt und schon bei einem freundlichen „Hallo“ aggressiv wird und droht, handgreiflich zu werden. Am schlimmsten war für Petra die „Doppelbelastung“ durch uns, als sie Ansgar vor die Tür setzen musste. Er hatte in Petras Anwesenheit im Haus randaliert und sogar ihren Mann Werner bedroht. So, dass Alexander dazwischen gehen musste und versucht hat, Ansgar zu beruhigen. Und obendrein wollte ich am selben Tag noch Interviews mit Petra machen, als das Erlebte noch extrem schmerzhaft für sie war. Das war der richtige Moment, um die Kamera auszumachen.

Das Rätsel Petra Peterich

Warum holt man sich fremde Jugendliche ins Haus, die sogar die eigenen Eltern gerne loswerden wollen. Junge Straftäter, die ellenlange Strafregister haben und oft keinen Bezug mehr zur Erwachsenenwelt? Dieses Rätsel zu lösen blieb über die Monate mein großer Ehrgeiz und war ein wichtiger Motor für den Film. Die Frage, warum sich eine Frau mit fast 60 – und ein Mann mit 72 Jahren- freiwillig diesem Stress aussetzt, ist schwer zu verstehen. Ob ich das Rätsel lösen konnte, weiß ich allerdings nicht.

Die selbstverständlichste Sache der Welt

Denn irgendwann in dieser gemeinsamen Zeit haben wir staunend akzeptiert, daß das für Petra die natürlichste Sache der Welt ist. Sie ist einfach gerne mit den Jugendlichen zusammen und zieht viel für sich selbst raus. Und sie möchte ihre Arbeit besonders gut machen. Petras Mann Werner meint dazu: „Sie will wahrscheinlich der Welt beweisen, dass das genauso Menschen sind. Nachdem ich erst skeptisch war, sehe ich das heute anders. Vor allem, das die Vorurteile, die unsere Gesellschaft gegenüber diesen Jugendlichen hat, immer nur auf ihre Straftaten gerichtet sind. Wenn man sie genauer kennen lernt, merkt man, dass das überwiegend sehr nette Jungs sind.“

Für Petra ist das, was sie tut, keine spektakuläre Sache: „Wenn es Menschen sind, die besonders ausgegrenzt sind, dann müssen sie eben auch besonders wieder integriert werden. Ganz einfach.

Copyright © 2001 Wolfgang Ferner
Stand: 14. April 2008