Cellulite
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Jeanette Kießling

 

Orangenhaut und gelbe Seiten

 

Wenn sich die Haut am vorzugsweise weiblichen Oberschenkel dellenförmig darstellt oder beim sachten Zusammenkneifen von Haut- und Fettgewebe eine Mondlandschaft sichtbar wird, dann spricht der Volksmund von Orangenhaut. Der medizinische Befund lautet: Cellulite. Oder Zellulite. Genau da liegt das Problem.

Stellen wir uns vor, die geplagte Frau schlägt die „Gelben Seiten“ auf, um Hilfe für ihre Bindegewebsproblematik zu finden, unter welchem Buchstaben schaut sie nach? Die Schlütersche Verlagsanstalt, die die „Gelben Seiten“ druckt, meint, unter Z. Wie Zellulitebehandlung. Frau W., Betreiberin eines Behandlungszentrums, ist sich sicher: unter C. Das Landgericht weiß es auch nicht, muss sich aber mit diesem Fall auseinandersetzen. Frau W. hat nämlich ihre Anzeigenrechnung in Höhe von 830,34 Euro nicht bezahlt. Normalerweise ist das ein Fall für das Amtsgericht. Und da war er auch schon. Das Urteil des Amtsgerichts lautete: Frau W. muss zahlen. Auch wenn sie die Schlütersche Verlagsanstalt darauf hingewiesen habe, Cellulitebehandlung bitte mit C zu schreiben, so könne sie nicht darauf bestehen. Denn die Allgemeinen Geschäftsbedingungen der Schlüterschen besagen, dass Branchenbezeichnungen von der Verlagsanstalt geändert werden dürfen. Ohnehin verstoße die Schreibweise mit Z nicht gegen die Regeln der Rechtschreibung.

Frau W. hat Berufung eingelegt.

Cellulite oder Zellulite?

Ein Fall für den Landgerichtspräsidenten

„Laut Duden geht beides“, sagt auch Dieter Schneidewind, der nicht nur als vorsitzender Richter die Berufungsverhandlung führt, sondern auch noch Präsident des Landgerichts ist und seine wahrscheinlich knappe Zeit der C-oder-Z-Frage opfern muss. Aber es geht ganz schnell. Richter Schneidewind stellt fest, dass zwar auf dem Korrekturabzug offensichtlich von der Kundin darauf hingewiesen wurde, „Cellulitebehandlung“ zu schreiben, dieses aber geschah, nachdem der Vertrag unter Einbeziehung der Allgemeinen Geschäftsbedingungen schon abgeschlossen war. Außerdem kann der Richter nicht glauben, dass dem Behandlungszentrum durch eine Eintragung unter Z ein Schaden entstanden sein soll: „Wer reinguckt, guckt unter C und unter Z.“ Ferner weist das Register der „Gelben Seiten“ die Eintragung „Cellulitebehandlung“ auf, mit dem Hinweis, unter „Zellulitebehandlung“ nachzuschlagen. Demnach hält die 10. Zivilkammer des Landgerichts „die Berufung für unbegründet“.

830,34 Euro. Das ist der Preis für zwei Anzeigen in den „Gelben Seiten“, von denen eine (unter einer anderen Rubrik) von Frau W. überhaupt nicht beanstandet wurde. Zumindest diese hätte sie bezahlen müssen, sagt Richter Schneidewind. Dann wäre allerdings der Streitwert so rapide gesunken, dass eine Berufung nicht mehr möglich gewesen wäre. Also werden nicht nur der Anwalt von Frau W. und der Anwalt der Schlüterschen ordentlich beschäftigt, sondern auch - nebst vorsitzendem Richter der Amtsgerichtsverhandlung mit Beisitzer und Schöffen - der Landgerichtspräsident und die beiden beisitzenden Richter Plumeyer und Schweigert. Frau W. hingegen ist zur Berufungsverhandlung gar nicht erschienen.

Das endgültige Urteil wird am 12. Februar verkündet. In der Geschäftsstelle der Civilkammer. Pardon, der Zivilkammer. 

 

Copyright © 2001 Wolfgang Ferner
Stand: 14. April 2008