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Der "Konzernchef", der keine Armbanduhr trägt

 

ROCKENHAUSEN/KAISERSLAUTERN: Martin Putsch, 35-jähriger Geschäftsführer von Keiper Recaro, hat sein eigenes Zeitgefühl

Von Lorenz Hofstädter

  Wenn seine linke Hand die Unterschrift setzt, geht das flink, ohne große Schnörkel, zack, zack. Er wirkt zwar nicht hektisch, aber doch wie einer, dessen Terminkalender randvoll ist. Dass er trotz Terminhatz keine Armbanduhr trägt, hat Symbolcharakter: Martin Putsch, 35-jähriger Chef der Keiper-Recaro-Gruppe, hat sein eigenes Zeitgefühl - nicht nur beim täglichen Stundenplan - entwickelt: auf internationalem Parkett und heimischer Region. Sein unternehmerischer Vater Ulrich ist nicht zu leugnen.

  Martin Putsch ist kein zweiter Ulrich. Mit Vornamen spricht er seinen Vater übrigens seit seinem Eintritt in die Putsch-Holding im Jahr 1999 an: "Seitdem sind wir Kollegen.". Er ist nun mal auch dessen Sohn, auch wenn er ihn nicht mehr "Papa" nennt. Die Verbundenheit mit unserer Region, mit den Mitarbeitern, eine liberale Unternehmensführung sind in Fleisch und Blut übergegangen. Der junge Konzernchef setzt auf Kontinuität.

  Chancen stehen nicht schlecht Gemeinsam soll das Unternehmen, das schon einige deutsche Mitbewerber aus dem Rennen im harten Autozulieferer-Markt geworfen hat, auch global bestehen. Und die Chancen dafür stehen nicht schlecht - trotz einiger Unwägbarkeiten. Zwar wird 2002 nicht ganz so gut wie das Jahr 2001 (Konzernüberschuss in Höhe von 21,8 Millionen Euro), doch "wenn's im Irak ruhig bleibt, werden wir uns im kommenden Jahr weiter positiv entwickeln", blickt Putsch optimistisch in die nächste Unternehmenszukunft.

  Die größten Vorteile von Keiper-Recaro sieht er im großen Know-how und der hohen Flexibilität der Mitarbeiter sowie der qualitativ hochwertigen Produkte. Mit anderen Worten: An einem "Taumel" aus der Nordpfalz kommt qualitativ - auch weltweit - so schnell keiner vorbei. Mal sehen, inwieweit Keiper Chancen etwa in Asien hat, wo derzeit zum Beispiel die japanischen Automobilkonzerne mit ihren alten Strukturen und Firmentraditionen brechen. Spezialisierte Zulieferer sind dann vielleicht verstärkt gefragt. Doch Putsch bleibt auf dem Boden: Vor einer globalen Expansion steht erst einmal die internationale Konsolidierung - das ist schon Arbeit und Herausforderung genug. Dass dabei das Know-How der Nordpfälzer Mitarbeiter im Ausland gebraucht wird, versteht sich von selbst. Von den dort gemachten Erfahrungen kann dann die Firma auch in der Heimat profitieren, weil die Schwierigkeiten und Bedürfnisse des ausländischen Partners wohlbekannt sind.

  "Mit Leistungen antworten" Doch in Zeiten von Kriegs- und Terrorgefahr macht sich der junge Firmenchef natürlich auch Gedanken über die dadurch nicht nur für den Automobil- und Flugzeugbau (und deren Zulieferer) resultierenden negativen Auswirkungen. Putsch: "Auf Verschlechterungen des Umfeldes müssen wir intern mit unseren Fähigkeiten und Leistungen antworten." Die Firmenphilosophie von Putsch ähnelt der einer Ehe: "Schlechte Zeiten wollen wir gemeinsam meistern, von guten gemeinsam profitieren", will auch der junge Putsch die Gewinne des Unternehmen in die Firma investieren.

  Apropos Heirat. Seit 4. August 2001 ist Martin Putsch verheiratet. Seine Frau Martina hat er in Kirchheim/Teck während seiner Geschäftsführertätigkeit bei Recaro kennen gelernt. Die Zusammengehörigkeit von Keiper und Recaro ist sozusagen jetzt auch personell manifestiert. Für März kommenden Jahres hat sich nun Nachwuchs bei den Putschs angekündigt. Danach wird der "Konzernchef" sicher auch keine Armbanduhr tragen, aber das Zeitgefühl wird - zumindest im familiären Bereich - ein noch langfristigeres.

 

Die Reportage

Der "Seniorenvergifter von Ransweiler" muss her Nach der Meldung über dubiose Allergie-Symptome im Alten- und Pflegeheim fordern "Presse-Geier" ihre Sensation

Von Lorenz Hofstädter

  Fernsehkameras und Mikrophone am Ransweilerer Ortseingang, Klingelputzen bei den Nachbarn des Alten- und Pflegeheims, mehrmaliges Nachbohren, ob in der Vergangenheit nicht doch etwas Merkwürdiges in dem Heim vorgefallen sei: mysteriöse Todesfälle vielleicht oder dass gesunde Senioren mit Medikamenten ruhig gestellt worden sind. Angehörige der Heimbewohner werden gelöchert, versucht, ein Interview vom Pflegepersonal zu erhaschen: Die "Presse-Geier" haben Blut gewittert, wollen jetzt die Sensation vom "Senioren-Vergifter". Was spielt es da schon für eine Rolle, dass der am Dienstag vorläufig Festgenommene wieder auf freiem Fuß ist, dass bei acht von zehn "richtig" Untersuchten gar keine "allergischen Symptome" festgestellt wurden. Nur wenige Kollegen vermuten: Vielleicht wird unser Beitrag ja jetzt gestrichen.

  Der Ransweilerer Joachim Wolf ist seit Dienstag - unfreiwillig - zum Medienstar geworden. "De Jockel", wie ihn seine Freunde nennen, war halt zufällig gerade im Pflegeheim, um sich über den Zustand seiner Mutter zu erkundigen, als ein Team vom Hörfunk auf Stimmenfang war. "De Jockel" war zu dem Zeitpunkt halt stocksauer, weil er kurz zuvor kaum Informationen über das Vorgefallene erhalten hatte. So ein erregter Sohn kommt medientechnisch gut, irgendwie hat dann anschließend seine Telefonnummer die Runde durch ZDF, Sat 1, Focus und einigen anderen gemacht. Nach dem gestrigen Interview mit den Fernsehleuten vom SWR hat "de Jockel" aber genug von dem Rummel: "Ich schalt mei Handy jetzt ab, Basta." Bei seiner Mutter wurden eh nicht die Symptome festgestellt; ansonsten hat er auch nichts Negatives aus der Vergangenheit über das Altenheim zu sagen. In zwei Tagen soll sie wieder ins Altenheim zurückkommen. Wolf hat damit keinerlei Probleme. Es wurde ja auch eigentlich noch nichts Genaues festgestellt.

  Der "Provinz-Wachtmeister"

Auch in der RHEINPFALZ-Redaktion melden sich ganz hartnäckige Kollegen. Was es denn so zu berichten gibt über dieses "dubiose" Altenheim. Man habe ja so einiges gehört. Doch wir halten es lieber gleich so, wie es "de Jockel" erst nach dem Interview für sich entschieden hat: "Nichts Genaues weiß man nicht." Ja, das haben die "Kollegen" aber schon ganz offiziell vom Oberstaatsanwalt gehört. Das reicht nicht. Also wird die Polizeiinspektion antelefoniert. Vielleicht gibt es da einen "blöden Provinz-Wachtmeister", der sich verplappert. Aber erst einmal werden Fakten, Fakten, Fakten abgefragt, etwa: "Wieviel Altenheime gibt es denn in Ransbach, äh Ransweiler?" Der "Wachtmeister" zählt mal schnell im Geiste durch und antwortet nach der vorgetäuschten Denkpause: "Genau eins." Das war's. Was denken die denn überhaupt?!

Mögliche "Parre"-Schlagzeile Vollkommen unbehelligt bleibt "de Parre" Klaus Gebhardt-Mersinger. Obwohl er als Seelsorgerg doch bei einer ernst gemeinten Recherche einer der ersten sein müsste, den man befragt. Schließlich geht Gebhardt-Mersinger im Altenheim regelmäßig ein und aus, gratuliert den Senioren zum Geburtstag, hält dort einmal im Monat einen Gottesdienst mit Abendmahl. So auch am Montag vor den "dubiosen Allergie-Symptomen". Gott sei Dank haben die "Presse-Geier" den Gottesmann nicht aufgesucht. Denn vieleicht hätten sie dann ja erfahren, dass "de Parre" am vorigen Montag zum ersten Mal überhaupt auf das Schlückchen Wein zum Abendmahl für die Senioren verzichtet, stattdessen Obstsaft eingeschenkt hat. Was ließen sich daraus für "herrliche Schlagzeilen" stricken - doch die Fernsehkameras und Mikrophone stehen am anderen Ende von Ransweiler. Und das ist gut so.

Jede Sau weiß: Der Letzte löscht das Licht Mysterium "Wutzestall": Wenn der Schweinemäster nicht mehr joggt und Stroh unter Quarantäne steht

Von unserem Redakteur Lorenz Hofstädter

Trixi und Tinka, die beiden Mischlingshunde, bellen und toben in ihrem Zwinger des gepflasterten Hofs, was das Zeug hält. Klar, auf dem Schild an dem großen Holztor ist es ja zu lesen: "Schweinestall. Zutritt für Unbefugte verboten". Aber was bedeutet die blaue Schüssel, gefüllt mit Holzraspeln und schaumiger Brühe, direkt hinter dem Tor? "Schuhe desinfizieren", sagt Schweinemäster Klaus Linn, "wir kommen vom schwarzen in den Mischbereich. Wie's im weißen weitergeht, erklär' ich gleich." Der Rundgang durch das Mysterium "Wutzestall" beginnt.

"Hygieneschleuse" Heizraum Mit desinfizierten Schuhen geht's an den aufgeregten Trixi und Tinka vorbei in den Heizraum. Oder besser gesagt in die "Hygieneschleuse". In den Spinden liegen für die Besucher weiße XXL-Schutzanzüge bereit, klinisch reine Gummihandschuhe und Gummistiefel, Größe 48. "Die Übergrößen haben sich bewährt, die passen jedem", sagt Linn und hilft beim Zuziehen der Kapuze. Den Anzug hatte auch der massige Metzger an, als er vor dem Schlachten die Schweine schnell in Augenschein nehmen wollte. Doch ist es nix mehr, mit mal kurz in den Stall geguckt, und die Koteletts angezeichnet. Ohne Anzug, Handschuhe, Gummistiefel und Desinfektion läuft da nichts mehr. Und das alles nur wegen der Schweinepest, die in anderen Ställen des Donnersbergkreises festgestellt worden ist? Falsch. Diese Vorschriften und noch einige mehr stehen in der 19 Blätter umfassenden Hygieneverordnung für Schweinehalter. Für Linn gilt die "verschärfte" Version, da er mit 740 Schweinen über der Grenze von 700 liegt. Dass Linns Betrieb seit drei Wochen im "Beobachtungsgebiet der Schweinepest" liegt, kommt im wahrsten Sinne des Wortes "erschwerend" hinzu. Doch dazu später. Zuerst werden die Gummistiefel in einem weiteren Desinfektionsbad gesäubert. "Jetzt sind wir im weißen Bereich", informiert Linn. Mit anderen Worten: Wir sind jetzt so "clean", dass (endlich) einer der vier Linn'schen Schweineställe betreten werden kann.

Die Wutze stehen dicht an dicht in den Boxen und voll im Saft. Normalerweise hat eine 100-Kilogramm-Sau in Linns Ställen ein Quadratmeter Stallfläche zur Verfügung (gefordertes Minimum sind 0,7 Quadratmeter). Derzeit haben die Tiere allerdings etwas weniger Platz. Gut 40 Schweine haben bis zu 20 Kilogramm Übergewicht. Seit die Ställe auf dem Neubau zum Schweinepest-Beobachtungsgebiet gehören, darf kein Schwein den Hof verlassen oder geschlachtet werden. Der dicke "Kawenzmann", der gerade nach einem von der Decke baumelnden leeren Wasserkanister (auch der ist wegen des tierischen Spieltriebs vorgeschrieben) schnappt, ist einer der Kandidaten, die normalerweise längst in der Metzgertheke ausliegen würden. Mit 135 Kilogramm Lebendgewicht liegt er 15 Kilogramm über der "magischen" Grenze. Den besten Kilo-Preis erzielt der Schweinemäster mit Tieren zwischen 100 bis 120 Kilogramm. Bei allen, die darüber liegen, gibt's Preisabzug - egal wieviel Prozent Muskelfleisch die zwischen die Wirbel gehaltene Laserpistole ermittelt. Pro Schwein ist das Verlust für Linn von etwa 15 Euro - wenn er sie wieder verkaufen darf. In der Masse viel Geld, denn auch für Schweinemäster gilt: Kleinvieh macht auch Mist.

Diät macht keinen Sinn Auf Diät kann er die überfälligen Schwergewichte nicht setzen, denn "ansonsten würden die sich gegenseitig auffressen". Bleibt die Hoffnung auf den 15. Oktober. Wenn keine weiteren Schweinepestfälle auftreten und bei seinen Tieren die stichprobenartige "Beblutung" positiv ausfällt, werden die Metzger und der Schlachthof dann wieder mit schweinischem Nachschub versorgt. Bis dahin hat Linn nur Ausgaben, aber keine Einnahmen. Es heißt, den Gürtel enger schnallen.

Na, dann könnte er doch wenigstens tagsüber das Licht im Stall ausmachen, der Griff zum Schalter beim Hinausgehen bleibt jedoch aus. Ist auch Vorschrift. Für eine gewisse Stundenzahl am Tag muss für eine gewisse Luxstärke im Stall gesorgt werden. Entweder über Fenster oder aber eben mit einer Glühbirne. Jede Sau auf dem Neubau weiß: Der Letzte löscht das Licht. So gegen 18 Uhr, wenn Linn noch einmal durch die Ställe geht, so manche Sauerei wegkehrt - und das Licht ausmacht.

Auf in den nächsten Stall. Auf dem Hof begrüßen uns wieder Trixi und Tinka. Gewohnt lautstark. Seit dem 1. Juli 2001, seit Inkrafttreten der Hygieneverordnung, haben sie den Hof nicht verlassen. Seitdem hat ihr 52-jähriges Herrchen das geliebte Joggen durch den Nordpfälzer Wald aufgegeben. Mit dabei natürlich Trixi und Tinka. Doch treiben sich rund um den Donnersberg einfach zu viele Wildschweine herum. Die Gefahr, aus dem Wald den Schweinepest-Virus vom Schwarzkittel-Überträger über Schuhe oder Pfoten einzuschleppen, wäre zu groß. So bleibt den Hunden wenigstens das Infektionsbad erspart, und nachts haben sie im "Mischbereich" Hof ihren Auslauf. Jetzt steckt ein Jungschwein gerade neugierig die "Schnuss" durch das Gitter. Auf ihrem Stallboden liegt Stroh aus. Das hatte Linn zuvor vier Wochen unter Quarantäne. Stroh frisch vom Acker ist schon lange tabu. Stichwort: Wildschweine.

Es geht wieder zurück in die Hygieneschleuse. Die Stiefel werden zuerst mit dem Waserschlauch abgespritzt, dann in das Desinfektionsbad getaucht. Die Schutzkleider werden mühsam abgestreift, die Straßenschuhe angezogen. Mit diesen wird noch einmal am Hoftor durch die Desinfektionsschüssel "gewatschelt". Das Mysterium "Wutzestall" liegt hinter uns. Trixi und Tinka haben aufgehört zu bellen.

 
Copyright © 2001 Wolfgang Ferner
Stand: 14. April 2008